Aus: Ausgabe vom 11.11.2017, Seite 8 / Ausland

»Wir sprechen auf Augenhöhe miteinander«

Treffen der Kommunistischen und Arbeiterparteien in Russland. KP Chinas kooperiert stärker. Gespräch mit Patrik Köbele

Interview: Claudia Wrobel
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Sie waren vergangenes Wochenende in Russland beim Internationalen Treffen der Kommunistischen und Arbeiterparteien. Seit wann gibt es diese Begegnungen, und wer genau kommt dort zusammen?

Vor 19 Jahren wurde auf Initiative der griechischen KP das erste Treffen von Vertretern der Arbeiterparteien nach dem Niedergang der sozialistischen Staaten veranstaltet, die Mitglied im sogenannten Solidnet sind, einem internationalen Verbund Kommunistischer und Arbeiterparteien. Die Zusammenkünfte finden jährlich, in der Regel in wechselnden Ländern, statt. In diesem Jahr haben wir uns – naheliegend – zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution in Sankt Petersburg, dem früheren Leningrad, auf Einladung der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation getroffen. Dabei haben wir einen Rekord erreicht: 103 Parteien aus knapp 70 Ländern waren vertreten.

Ist das eher eine Protokollveranstaltung, oder wird da hart in der Sache diskutiert?

Es ist schon noch so, dass alle Parteien nacheinander ihre Situation im jeweiligen Land darstellen. Aber gleichzeitig ist solch ein Treffen eine gute Möglichkeit, vor allem bilaterale Kontakte zu knüpfen. Vorbereitet werden die Zusammenkünfte von einer ständigen Arbeitsgruppe, die in diesem Jahr sogar erweitert werden konnte. Es ist ein wichtiger Schritt, dass die Kommunistische Partei der Volksrepublik China dort nun auch Mitglied ist. Wir beobachten seit etwa drei Jahren, dass die KP Chinas sich wesentlich stärker in die internationale Zusammenarbeit einbringt als zuvor.

Wie ist das, wenn auf solchen Konferenzen Abgesandte der KP Chinas auf solche der Kommunistischen Partei aus Vietnam treffen? Fliegen die Fetzen?

Konflikte im zwischenstaatlichen Verhältnis, in dem Fall zwischen Vietnam und der VR China, spielen im Forum keine Rolle. Auseinandersetzungen innerhalb der Parteien oder auch zwischen zwei Parteien werden generell nicht auf diesem Marktplatz getragen. Vielmehr nutzen viele Organisationen das Zusammentreffen, um bilateral bei der Lösung eventueller Spannungen weiterzukommen.

Waren diese direkten Gespräche für Sie erfolgreich?

In einer solchen Unterredung mit der KP Chinas konnten wir, das denke ich schon, die Grundlage dafür schaffen, dass sich die Beziehungen zwischen unseren Organisationen intensivieren. Aber wir haben uns auch mit Vertretern einer ganzen Reihe anderer Parteien zusammengesetzt, beispielsweise der KP Venezuelas, mit der die Zusammenarbeit ohnehin sehr gut ist, oder mit denen der Ungarischen Arbeiterpartei. Wir erleben bei solchen Treffen, dass auf uns sehr genau geschaut wird. Einerseits aus historischen Gründen, weil wir aus dem Land von Karl Marx und Friedrich Engels kommen, und andererseits, weil wir aus einem der höchstentwickelten imperialistischen Länder kommen.

Sie haben es angedeutet: Die teilnehmenden Parteien unterscheiden sich stark, und das nicht nur in ihrer Größe, sondern vor allem auch in den Möglichkeiten der politischen Einflussnahme, kurz gesagt, der Macht, die sie haben. Bemerkt man das, oder ist es einfach eine Versammlung von Kommunisten, bei der mehr oder weniger Zufall ist, in welchem Land man sich engagiert?

Wir haben es wirklich geschafft, dass die Frage nach der Größe keine Rolle spielt. Wir sprechen auf Augenhöhe miteinander. Alle wissen, dass Dinge wie Größe oder Einfluss vor allem mit den nationalen Kampfbedingungen zu tun haben. Und weil das alle wissen, nehmen wir uns gegenseitig ernst. Um noch mal auf das Gespräch mit den Genossen aus China zu kommen: Es war sehr solidarisch und offen. Da hat es keine Rolle gespielt, dass sie etwa 90 Millionen Mitglieder haben und wir nur ein paar tausend.

Und im kommenden Jahr treffen sich die Parteien in Deutschland?

Eigentlich müssten wir die Zusammenkunft nächstes Jahr ausrichten, das haben wir vor Ort auch gesagt, alleine wegen der vielen Jubiläen: Es ist das 100. Jahr der Novemberrevolution und der Gründung der KPD, vor 50 Jahren wurde die DKP gegründet. Wir haben aber auch gesagt, uns fehlt das Geld. Dafür hatten die Genossinnen und Genossen Verständnis. Das Treffen wird 2018 wieder in Athen stattfinden.

Patrik Köbele ist Vorsitzender der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP)

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