Aus: Ausgabe vom 09.11.2017, Seite 10 / Feuilleton

Vermessung der Köpfe

Von Thomas Wagner
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Das Weihnachtsgeschäft scheint gesichert: Selfie mit Santa Claus in der I-Phone-Warteschlange am 3. November in Tokio

»Schalte mich ein, und ich sage Dir, ob Du mein rechtmäßiger Nutzer bist« könnte ein Werbespruch für das neue I-Phone X von Apple lauten, das Konzernchef Tim Cook im Spätsommer in der Firmenzentrale im kalifornischen Cupertino vorstellte. Tatsächlich erkennt das Gerät seine Nutzer mithilfe zahlreicher Kameras, Sensoren und eingebauter Infrarottechnik mit hoher Wahrscheinlichkeit selbst im Dunkeln. Damit der Bildschirm die gesamte Vorderseite des Telefons einnehmen kann, wurde der dort zuvor angebrachte Fingerabdruck-Scanner durch ein neuartiges Gesichtserkennungssystem ersetzt.

Dem immer noch erkennbar durch Mitgründer Steve Jobs (1955–2011) geprägten Konzern geht es blendend. Sein Wert wird derzeit auf 860 Milliarden Dollar geschätzt, die Firma könnte als erste überhaupt die Eine-Billion-Dollar-Hürde überspringen. Doch ist der Erfolg in hohem Maße mit dem I-Phone verknüpft. Dessen Verkauf macht ungefähr 70 Prozent des gesamten Geschäfts aus. Kein Wunder, dass der Konzern dem Hype um sein populärstes Produkt immer neue Nahrung zu geben versucht. Auch diesmal scheint das wieder gelungen. Zur Markteinführung des I-Phone X am vergangenen Freitag bildeten sich weltweit Schlangen vor den Verkaufsstellen des Unternehmens. Die hohe Zahl der Vorbestellungen ließ die Wartezeit rasch auf bis zu sechs Wochen ansteigen. Das Weihnachtsgeschäft scheint gesichert. Im laufenden Quartal rechnet das Unternehmen mit bis zu 87 Milliarden Dollar Umsatz. Das wäre eine deutlich Steigerung gegenüber der bisherigen Bestmarke aus dem vergangenen Jahr (78,4 Milliarden).

Das neue Modell, mit einem Verkaufspreis ab 999 Dollar das bislang teuerste Mobiltelefon der Firma, ist mit sehr effektiver Überwachungstechnologie ausgestattet. Die eingebaute Gesichtserkennung lasse alle bisher bekannten Techniken der Nutzeridentifizierung weit hinter sich, erklärt das Unternehmen. Nach seinen Angaben lernt das I-Phone X und bemerkt optische Veränderungen im Aussehen des Nutzers. Faltenbildung, Bartwuchs, das Aufsetzen einer Brille, Perücke oder Mütze würden die Wahrnehmung des I-Phone nicht täuschen können. Vor wenigen Jahren noch galten solche simplen Veränderungen der Optik als schwer zu überwindende Hürde für maschinelle Gesichtserkennungssysteme.

»Apple Face ID« sei »angeblich« mit »Gesichtsmasken getestet« worden, die »Hollywoodexperten hergestellt« hatten, schrieb Die Welt (14.9.2017). Zentrales Ergebnis der Bemühungen ist eine neuartige Form der Vermessung. Gesicht und Kopf werden mit 30.000 unsichtbaren Infrarotpunkten abgetastet und vermessen. Aus denen wird ein 3D-Modell errechnet und mit den vorliegenden Daten abgeglichen. »Ältere Methoden der Gesichtserkennung vergleichen das aktuelle Kamerabild mit einem gespeicherten Foto«, so Die Welt. Die Treffsicherheit des I-Phone X soll 10.000 Mal so hoch sein und 20 Mal höher als die eines Fingerabdrucksensors.

Angesichts solcher technologischen Erfolgsmeldungen von der Vermessung der Köpfe fühlte sich Andrian Kreye in der Süddeutschen Zeitung (13.9.2017) an Herrschaftspraktiken der »Kolonialherren des 19. Jahrhunderts« erinnert. Was damals unter dem Begriff »der Kraniologie, der Schädelvermesserei«, rubriziert worden sei, gelte heute als Innovation.

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