Aus: Ausgabe vom 09.11.2017, Seite 6 / Ausland

Noch eine Kriegserklärung

Nach Drohungen gegen Iran legt sich Saudi-Arabien jetzt auch mit dem Libanon an

Von Knut Mellenthin
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Bündnis gegen die Hisbollah: Der saudische König Salman bin Abdulasis Al-Saud begrüßt den ehemaligen libanesischen Ministerpräsidenten Saad Hariri in Riad (6.11.2017)

Saudi-Arabien hat seine militärischen Drohungen gegen Iran auf den Libanon ausgeweitet. Außenminister Adel Al-Dschubeir beschuldigte am Montag die schiitische Hisbollah, an Kampfhandlungen im Jemen beteiligt zu sein. Saudi-Arabien führt dort seit März 2015 – hauptsächlich mit Luftangriffen gegen die Infrastruktur – einen Interventionskrieg. Ebenfalls am Montag kündigte der saudische Minister für Golf-Angelegenheiten, Thamer Al-Sabhan, an, die libanesische Regierung werde künftig so behandelt, als ob sie Riad den Krieg erklärt hätte. Ähnlich äußerte sich Kronprinz Mohammed bin Salman am Dienstag gegen Teheran.

Die saudischen Anschuldigungen gegen die libanesische Hisbollah im Zusammenhang mit dem Jemen sind nicht nur unbewiesen, sondern auch unwahrscheinlich: Erstens sind deren Streitkräfte durch ihren Einsatz in Syrien schon sehr stark ausgelastet. Zweitens haben die jemenitischen Schiiten mit ihrer Organisation Ansarollah eine bis mindestens 2004 zurückreichende Tradition des bewaffneten Kampfs gegen saudische Interventionen und sind überdies mit einer starken Fraktion der regulären Streitkräfte verbündet. Sie benötigen keine Hilfe von außen.

Die Hisbollah, 1985 als Miliz gegründet, hat sich längst zu einer politischen Organisation weiterentwickelt, die seit 1992 im libanesischen Parlament vertreten und auch an der im vergangenen November gebildeten Koalitionsregierung beteiligt ist. Manche Beobachter nehmen an, dass Hisbollahs »bewaffneter Arm« sogar den regulären Streitkräften überlegen sei. Die israelische Regierung kündigt seit Monaten an, dass sie ihren nächsten Libanon-Krieg nicht nur – wie 2006 – gegen die Hisbollah führen werde, sondern auch gegen die libanesische Armee und alle staatlichen Strukturen des Landes. Dieser Logik hat sich jetzt offenbar auch Saudi-Arabien angeschlossen. Unklar bleibt dabei aber, wie die Saudis so weit von den eigenen Grenzen entfernt Krieg führen wollen.

Libanon ist derzeit, zumindest formal, ohne Regierung, nachdem Ministerpräsident Saad Hariri am Sonnabend in der saudischen Hauptstadt seinen Rücktritt erklärt hatte. Er begründete das mit angeblichen Mordplänen gegen seine Person, mit der starken Rolle der Hisbollah in der libanesischen Innenpolitik und mit der »iranischen Einmischung«. Der Generalsekretär der schiitischen Widerstandsbewegung, Sajed Hassan Nasrallah, erklärte dazu in einer Rede am Sonntag, der Hauptgrund für Hariris Schritt sei »in Saudi-Arabien zu suchen«. Möglicherweise sei der Rücktritt des Regierungschefs ein Ergebnis der Machtkämpfe in der saudischen Führung.

Tatsächlich spricht einiges für diesen Verdacht. Hariri wurde in Saudi-Arabien geboren und hat neben der libanesischen auch die dortige Staatsbürgerschaft. Von seinem Vater Rafik Hariri, der 2005 in Beirut durch einen Bombenanschlag getötet wurde, hat er die Herrschaft über eines der größten Bauunternehmen Saudi-Arabiens, Saudi Oger, geerbt. Der Niedergang des Ölpreises seit Juni 2014 erzwang erhebliche Kürzungen der saudischen Staatsausgaben, die den Bausektor besonders schwer trafen. Saudi Oger war schon im Herbst 2016 mit Schulden in Milliardenhöhe belastet und konnte nur noch auf Rettung durch den Staat hoffen. Inzwischen gilt das Unternehmen als praktisch bankrott.

Zusätzlich müsste Hariri, falls er sich Forderungen der Saudis verweigert hätte, vermutlich damit rechnen, in den Strudel der Korruptionsanklagen hineingezogen zu werden, die seit Sonnabend zur Verhaftung von mehreren Dutzend Prinzen, Politikern und superreichen Geschäftsleuten geführt haben. Etliche davon gelten als Partner und Freunde Hariris. Zu ihnen gehören Bakr bin Laden, Gründer und Hauptaktionär des Bauunternehmens Saudi Binladin Group, und Khaled Al-Tuwaidschri, der unter dem Vorgänger des derzeitigen Königs Salman Chef des königlichen Hofes war.

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