Aus: Ausgabe vom 09.11.2017, Seite 8 / Ausland

»Die Bevölkerung veränderte die Gesellschaft«

Neue linke Partei in Südkorea: 10.000 Menschen nahmen an Gründungstagung teil. Gespräch mit Tae Heung Jeong

Interview: Hohyun Choi
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»80 Prozent der 50.000 Mitglieder der Volkspartei sind neue Gesichter. 70 Prozent der Parteimitglieder sind prekär oder atypisch beschäftigte Arbeiter und Jugendliche.« – Tae Heung Jeong, Kovorsitzender der neugegründeten Volkspartei Südkoreas

Mitte Oktober entstand in Südkorea eine neue linke Partei, die Volkspartei. An der Gründungstagung auf dem Seoul-Platz nahmen 10.000 Mitglieder und Anhänger teil. Wie kam es dazu?

Mehr als 17 Millionen Menschen gingen zwischen dem 5. Oktober 2016 und Anfang 2017 in Südkorea auf die Straße und erzwangen die Absetzung von Präsidentin Park Geun Hye. Sie läuteten durch diese »Kerzenlichtrevolution« eine neue Ära – eine Zeit der echten Volkssouveränität, der direkten Demokratie – ein. Die Volkspartei ist die Partei der Hauptakteure dieser Revolution: Arbeiter, Bauern, Frauen, Jugendliche, alle Unterdrückten gründeten sie, um die Aufgabe der Revolution zu vollenden.

Was ist das Ziel der Volkspartei?

Sie steht für die Unabhängigkeit von der imperialistischen Herrschaft der Vereinigten Staaten, für eine friedliche Entwicklung auf der Koreanischen Halbinsel ohne Kriegsgefahr und kämpft für ein wiedervereinigtes Korea. Wir setzen uns außerdem für eine demokratische Gesellschaft ohne Repression ein und für ein sozial gerechtes Land ohne prekäre Beschäftigung. Der schonende, nachhaltige Umgang mit den natürlichen Ressourcen ist ebenfalls sehr wichtig für uns und für unser Ziel, Unterdrückung und Ausbeutung zu beenden, kämpfen wir weltweit.

Was planen Sie, um wieder eine linke Partei aufzubauen?

Wir wollen nicht nur die Basis der früheren linken Partei UPP wiederbeleben. Wir wollen vielmehr auf neuem Fundament eine selbständige linke Partei schaffen. 80 Prozent der 50.000 Mitglieder der Volkspartei sind neue Gesichter. 70 Prozent der Parteimitglieder sind prekär oder atypisch beschäftigte Arbeiter und Jugendliche.

Wir wollen vorantreiben, dass die Akteure der »Kerzenlichtrevolution« selbst die Macht ergreifen können, nicht politische Eliten. Eine Parole der Volkspartei lautet deshalb: »Die Macht dem Volk!« Bisher konnte die Bevölkerung nur im Wahllokal partizipieren und wurde nach dem Votum vom politischen Entscheidungsverfahren ausgeschlossen. Das hat sich nun verändert. Die Bevölkerung engagierte sich aktiv an den Protesten und veränderte damit die Gesellschaft. Diese Erfahrung ist so wichtig.

Wie wollen Sie diese Partizipation an politischen Prozessen fördern?

Unsere Partei besteht aus verschiedenen Basisorganisationen. Dort engagieren sich Aktivisten vor Ort. Die Vorsitzende der Basisorganisationen führten als Kovorsitzende die Gesamtpartei mit. Mitglieder können wichtige Funktionäre abwählen. Initiativrechte der Parteimitglieder werden weit gewährleistet. Darüber hinaus sind ein Onlinewahlsystem und ein Onlineforum aufgebaut.

Die Lage auf der Koreanischen Halbinsel hat sich zugespitzt. Wie verhält sich die Volkspartei in der gegenwärtigen Situation?

Die Verursacher der Spannungen, die den Frieden bedrohen, die Welt destabilisieren, sind die Vereinigten Staaten und ihr Präsident Trump. Ihre feindselige Außenpolitik und das Sanktionsregime gegen die Demokratische Volksrepublik Korea sind bereits gescheitert. Aber Trump akzeptiert das nicht.

Militärische Konflikte auf der Koreanischen Halbinsel könnten in einen Atomkrieg führen. Die USA müssten mit Nordkorea endlich in einen Dialog treten. Das 1953 geschlossene Waffenstillstandsabkommen durch einen Friedensvertrag zu ersetzen und normale diplomatische Beziehungen aufzunehmen kann eine grundlegende Lösung sein. Unsere Volkspartei kämpft mit allen Kräften gegen den Krieg. Sie demonstrierte beispielsweise mit 220 Organisationen der Friedensbewegung am 4. November gegen den Besuch Trumps in Seoul.

Tae Heung Jeong ist Kovorsitzender der neugegründeten Volkspartei ­Südkoreas

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