Aus: Ausgabe vom 08.11.2017, Seite 15 / Antifa

Nicht auffallen, um zu überleben

Angela Schmidt-Bernhardt schildert das Leben einer »heimlichen Vierteljüdin« in der Nazizeit

Von Gisela Sonnenburg
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Ab 1941 musste Juden in Deutschland den »Davidsstern« tragen - auch in den von den Nazis okkupierten Ländern und Gebieten

Es ist nicht selten, dass Töchter über ihre Mütter schreiben. Auch Angela Schmidt-Bernhardt hat es getan, allerdings erst nach dem Tod ihrer Mutter. Denn die wollte eigentlich nicht Gegenstand einer Veröffentlichung werden. Von ihren Gesprächen mit ihr kurz vor ihrem Tod hatte sich Schmidt-Bernhardt aber Notizen gemacht – und ein Buch über ihre Geschichte geschrieben. »Spätsommerhimmel in Sanssouci« heißt es, im Untertitel »Lebensabschnitte einer Vierteljüdin«.

»Puti« wurde 1920 in Dresden geboren. Ihr Vater gehörte zu jenen, die von den Nazis als »Halbjude« kategorisiert wurden. Die Familie verheimlichte jedoch erfolgreich seine Abstammung – ein heikles Überleben. Die Autorin sichtete den Nachlass ihrer Mutter, fand Briefe und andere Unterlagen. Ihr Buch vereint historische Dokumentation und aktuellen Kommentar. Vor allem die Bescheidenheit der Verstorbenen wird deutlich. »Das Nichtauffallen wurde ihr zur zweiten Natur«, resümiert die Tochter. Das Schicksal führte ihre Mutter von Dresden über Pommern nach Schleswig-Holstein, wo sie eine Banklehre machte. Als Frau ohne »Ariernachweis« hielt sie sich stets zurück, wenn es um Möglichkeiten zur Beförderung ging. Nach Kriegsende heiratete sie, bekam drei Kinder – und nie wieder bezahlte Arbeit. »So, wie es war, war es ›natürlich‹«, schreibt Schmidt-Bernhardt.

Puti »verpasste« nicht nur eine berufliche Entfaltung, sondern auch die große Liebe. Als Teenager hatte sie sich in ihren Mathelehrer verknallt, auch er empfand für sie mehr als Fürsorge. Sie schrieben sich bis Februar 1945, trafen sich manchmal zu Tagesausflügen. Dann starb er als Offizier der Wehrmacht. Puti hoffte noch jahrelang, er sei in Kriegsgefangenschaft – bis ihr die Todesnachricht bittere Gewissheit brachte. Über ihre Liebe zu ihm sprach sie ihr Leben lang nicht.

Die Biographien anderer Frauen werden im Buch kurz gestreift, zum Beispiel die von Lisa Dormann. Sie war Jüdin, ihr Mann Mitläufer – er ließ sich von ihr scheiden. Lisa lernte Schreibmaschineschreiben, fand einen zweiten Ehemann. Mit ihm emigrierte sie in die USA, von wo sie Care-Pakete an Putis Familie schickte. Auch aus Palästina kamen Sendungen aus dem Exil: Orangen, Mimosen, Wollstoff. Die Angst, entdeckt zu werden, wich immer wieder der Freude, noch am Leben zu sein.

Dennoch sei ihrer Mutter aus der Zeit des Sich-Verstecken-Müssens ein »leises Trauma« geblieben, stellt die Autorin fest und fügt hinzu: »Was in mir nachklingt, ist ihr Erschrecken über Neonazis, ihr Entsetzen über antisemitische Friedhofsschändungen.« Bis ins hohe Alter blieb Puti jedoch stets passiv. Das Büchlein rührt, macht nachdenklich. Leider ist der Titel etwas irreführend: Ein »sonniger Tag in Potsdam« ist im Text auf den 21. November 1943 datiert. An diesem Nachmittag unternahm Puti mit dem geliebten Mann einen Spaziergang durch den Park Sanssouci. Sie erzählte ihm dabei von sich aus von ihrer jüdischen Herkunft. So viel Vertrauen hatte sie nur zu ihm.

Angela Schmidt-Bernhardt: Spätsommerhimmel in Sanssouci – Lebensabschnitte einer Vierteljüdin. Größenwahn Verlag, Frankfurt am Main, 93 S., ab 9,90 Euro


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