Aus: Ausgabe vom 07.11.2017, Seite 11 / Feuilleton

Über Haltungen reden

Eine Erinnerung an Klaus Schwabe

Von Peter Michel
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Das Relief »Aufbruch« für die Universität Leipzig: Eine der berühmtesten Arbeiten, an denen Klaus Schwabe beteiligt war (zusammen mit Frank Ruddigkeit und Rolf Kuhrt, 1973)

Im Spätsommer 1987 saßen Klaus Schwabe, Jo Jastram und ich im Garten eines Restaurants am Bonner Rheinufer und feilten gemeinsam an einer Rede, die Klaus zur Eröffnung der Ausstellung »Bildhauerkunst aus der DDR« im Rheinischen Landesmuseum vortragen sollte. Diese Skulpturenschau fiel zufällig mit dem Staatsbesuch Erich Honeckers in Bonn zusammen.

Klaus sprach vor dem zumeist aus Offiziellen, Diplomaten, bundesdeutschen Künstlerkollegen und Medienvertretern zusammengesetzten Publikum im Rheinischen Landesmuseum. Er trat – wie stets – selbstbewusst und sicher auf. Das deutsch-deutsche Kulturabkommen hatte diese Ausstellung mit Werken von mehr als 50 Bildhauern der Nachkriegsgeneration ermöglicht. Eine »Terra incognita« für die westdeutsche kunstinteressierte Öffentlichkeit wurde nun direkt erlebbar. Klaus fand kluge Worte: »Was vermag Kunst im Prozess der Weltveränderung zum Nutzen der Menschen zu bewirken? Das lässt erkennbar werden, dass wir weniger gern über Stile, aber leidenschaftlich gern über Haltungen debattieren. Dabei verstehen wir uns durchaus als Verwalter eines gemeinsamen kulturellen und humanistischen Erbes…«1

Was von dieser Erwartung ist nach 1989 übrig geblieben? Wir, die wir uns als »Verwalter eines gemeinsamen kulturellen und humanistischen Erbes« fühlten, wurden überrollt von einer Welle der Nichtachtung und Abwertung. Die Hoffnung, die dieses Kulturabkommen auch für eine gleichberechtigte spätere Vereinigung der beiden deutschen Staaten barg, ging unter. Nicht nur das großformatige Relief »Aufbruch«, das Klaus gemeinsam mit Rolf Kuhrt und Frank Ruddigkeit für den Haupteingang der Leipziger Universität geschaffen hatte, wurde vor dem Abriss dieses Gebäudes auf unehrenhafte, spektakuläre, in den Medien heiß diskutierte Weise entfernt2. Auch andere seiner Arbeiten verschwanden. Für einen Künstler, der seinen Schaffensschwerpunkt in baubezogener bzw. im öffentlichen Raum wirkender Plastik und weniger in »Galeriekunst« sah, war das bitter.

Unweit seines Wohn- und Atelierhauses in Leipzig-Mölkau, wo wir ihn öfter besuchten, entsteht – während sich ein stillgelegter Braunkohletagebau mit Wasser füllt – ein neues Erholungsgebiet mit Rad- und Wanderwegen und markierten Rastplätzen. Dafür schuf Klaus Schwabe um das Jahr 2008 große »Wegzeichen«. Solcherart Dialoge mit dem öffentlichen räumlichen Umfeld führen zahlreiche Skulpturen: seine 1987 gegossene Bronze »Dresden – 13. Februar 1945«, das fünf Meter hohe, aus Beton geformte »Symbol für Antalya«, an dem er 1977 während eines Symposiums in dieser türkischen Stadt arbeitete, oder die riesige sandsteinerne Stele »Familie«, die er 1987 für die Skulpturenstraße St. Wendel-Baltersweiler im Saarland schuf.

Klaus Schwabe beeindruckte uns bei jeder Begegnung mit seiner Geradlinigkeit, mit seinem unbeirrbaren Festhalten an der menschlichen Figur, mit seinem Vermögen, komplizierte künstlerische oder philosophische Zusammenhänge in Worte zu fassen, mit seinem offenen, freundlichen Wesen, seiner Sensibilität, die sich manchmal unter einer hart erscheinenden Hülle verbarg, und mit der Vielseitigkeit seiner künstlerischen Ausdrucksweisen, denn er war nicht nur Bildhauer, sondern auch Graphiker und Maler. Er aquarellierte, zeichnete, druckte Graphiken und war auch in kleineren Formen der Plastik ein Meister. Sein »Budjonnyreiter« von 1970/71, eine 47 cm große Bronze, ist vollkommen unheldisch; der Reiter sitzt frierend auf einem offenbar hungrigen, kleinen Pferd. Seine »Selbstaufbahrung«, die Darstellung eines alten, dicken Mannes, der sich nackt in einen zerbrechlichen Stuhl streckt und zwängt, ist ein Meisterstück der Selbstironie.

Klaus stammte aus Thüringen. Er erlernte den Beruf eines Keramikmodelleurs, studierte an der Fachschule für angewandte Kunst in Leipzig, anschließend an der Kunsthochschule Dresden und war von 1969 bis 1978 Lehrbeauftragter an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. 1984 erfolgte seine Berufung als Dozent und 1986 als Professor an die Kunsthochschule Dresden. 1993 schied er aus dem Hochschuldienst aus.

In seinem Atelier fanden sich neben vollendeten und im Entstehen begriffenen Holz-, Stein- und Gipsarbeiten auch solche sinnbildhaften Werke wie ein »Schreiendes Pferd«, das seine Fesseln nicht loswird, die lebensgroße Aktdarstellung seines Vaters, die die Beschwernisse seines Lebens nicht verschweigt, und ungeschönte, liebenswerte weibliche Akte. In allen diesen Werken erlebt man, wie ein begnadeter Bildhauer, der ständig auf der Suche nach den besten Ausdrucksmitteln ist, seine eigene Handschrift aus einer tiefen Kenntnis des Menschen und seiner Existenzbedingungen und aus der Kontinuität der Kunstgeschichte gewinnt.

Im zusammengeschobenen Deutschland sollte man tatsächlich mehr über Haltungen als über Stile reden. Klaus kann nicht mehr dabei sein. Er starb am 11. Oktober 2017 im Alter von 78 Jahren in Leipzig.

1 DDR-Kollegen in Bonn. Bildhauerkunst aus der Deutschen Demokratischen Republik, in: Kulturpolitik. Mitteilungsblatt des BBK (Bundesverband Bildender Künstler), Nr. 3/September 1987, S. 71

2 Vgl. Peter Michel: Kulturnation Deutschland? Streitschrift wider die modernen Vandalen, Verlag Wiljo Heinen, Berlin und Böklund 2013, S. 12–14. Das Relief steht heute wieder – entsprechend kommentiert – auf dem Campus Jahnallee in Leipzig.

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