Aus: Ausgabe vom 01.11.2017, Seite 4 / Inland

»Pflanzt doch Appelbäumchen!«

Proteste nützen nichts: Baustart für die Potsdamer Garnisonkirche

Von Matthias Krauß
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Hängt in Potsdam auf dem »Baugrund«: Konterfei Martin Luthers mit dem Spruch »Kein Turmbau! Pflanzt doch lieber mein Appelbäumchen!«

»Sie stören einen Gottesdienst, und das ist eine strafbare Handlung.« Der Polizist ist nicht misszuverstehen an diesem Dämmersonntag in Potsdam. Sturm »Herwart« hatte sich zuvor ausgetobt, aber beim Baustart für die Garnisonkirche in Potsdam geht es noch einmal stürmisch zu.

Einige hundert Anhänger des Kirchenbaus haben sich eingefunden, und etwa hundert Protestierende lassen keine weihevolle Stimmung aufkommen. Sie gehören verschiedenen Gruppen an, darunter »Christen brauchen keine Garnisonkirche«. Pfiffe und lautes Rufen begleiten die Einweihung der Baustelle, mischen sich in Orgel- und Predigtklänge. Hören wir mal rein in Rufe der Gegenversammlung: »Kein Gott, kein Staat, kein Kirchenimitat«, »Das ist euer goldenes Kalb«, »Schande«, »Heuchler«. Die andere Seite: »FDJ!«, so schallt es aus den Reihen der Baubefürworter zurück.

Seit Jahren ist die Stadt gespalten in jene, die ein »städtebauliches Juwel« wiederaufleben lassen wollen, und die anderen, für die das nur der dreimal verfluchte Tempel ist, ein obskurer Altar des preußischen Militarismus, wo Hitler und das Preußentum jede Menge schauderhafte Versöhnungsmessen zelebrierten.

Die Polizei schiebt sich schließlich zwischen die beiden Gruppen, es kann losgehen. Altbischof Wolfgang Huber zieht in seiner Predigt gleich mal eine Parallele von der Sprengung der Weltkriegsruine 1968 zu den heutigen Gegnern des Wiederaufbaus. Schon damals habe Gewalt den Gottesdienst gestört und die beginnende Versöhnung unterbrochen, behauptete er. Er erwähnte nicht, dass die DDR nach der Sprengung des zerstörten Kirchengebäudes der Kirchengemeinde ein schickes Zentrum in hervorragender Lage gebaut hatte – in der Kiezstraße in Potsdam.

Die Baupläne sehen nun vor, das danebenstehende Rechenzentrum aus DDR-Tagen zu schleifen. Die Stadt hat den Komplex freien Künstlern zur Zwischennutzung übergeben, die das Haus bis auf das letzte Zimmer bevölkern. Auch von dieser Seite gibt es Protest. »Pflanzt doch lieber Appelbäumchen!« steht auf einem riesigen Transparent, das auch ein Bild von Luther zeigt. Daneben kommentiert ein gelbes Banner schlicht »Preußenscheiße«.

Mit 90 Metern soll der Kirchenturm das höchste Bauwerk Potsdams werden, zunächst aber geht es in die Tiefe: 38 Pfähle werden 38 Meter tief in die Erde gerammt, um dem Hochbau auf dem sumpfigen Potsdamer Baugrund Halt zu geben. Wenn es nur beim Turmbau bliebe, der ja ein »Versöhnungszentrum« beherbergen soll, könnten Rechenzentrum und damit die Künstler bleiben.

Bei der kürzlich ausgewerteten Umfrage zum Bürgerhaushalt Potsdams hat eine deutliche Mehrheit das Thema »keine städtischen Mittel für den Aufbau der Garnisonkirche« ganz nach vorn katapultiert. Eine Volksinitiative erreichte vor drei Jahren locker das erforderliche Quorum. Die Stadtverordneten haben schließlich den innerstädtischen Baugrund »in Sahnelage« trotzdem kostenlos zur Verfügung gestellt.

Die Garnisonkirchenstiftung ist inzwischen doppelt in Feierlaune: Pünktlich zum Startschuss flatterte der Förderbescheid vom Bund ins Haus: Zwölf Millionen Euro sollen der Spendenbereitschaft auf die Sprünge helfen. Das Geld für den Kirchturmbau kommt aus dem Hause von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU). Rechtliche Bedenken, inwieweit der Staat den Bau von Kirchen finanzieren darf, wurden wenig konfliktscheu beiseite geschoben: Es soll ja um die Errichtung eines »Versöhnungszentrums« gehen.


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