Aus: Ausgabe vom 25.10.2017, Seite 11 / Feuilleton

Stärkt die rote Welle!

Jagd auf Roten Oktober: Eine Ausstellung in Berlin zur Revolution von 1917

Von Alexander Reich, Christof Meueler und Peter Merg
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Wo ist Iljitsch? »Feierliche Eröffnung des II. Kongresses der Komintern«, Isaak I. Brodski, 1924

Das Deutsche Historische Museum in Berlin gratuliert der Oktoberrevolution zum Hundertsten: »1917. Revolution. Russland und Europa« heißt die Ausstellung, Kuratorin Kristiane Janeke ist seit ungefähr zweieinhalb Jahren mit ihr befasst. Eröffnung war am vergangenen Mittwoch, aber Janeke ist noch mitten drin. Zum Beispiel fehlt noch die Legende zum Höhepunkt der Ausstellung, einem großen Wimmelgemälde in Öl von Isaak Brodski, das den Zweiten ­Kominternkongress von 1920 zeigt.

Nicht alles funktioniert schon, wie es soll, anderes fällt schon wieder aus. Im Eingangsbereich sollte ein Bildschirm nicht blau sein, zwei andere sind leider schwarz. Die übrigen zeigen Talking heads. Marianne Birthler ist überraschend prominent plaziert, beim Anblick von Andrej Hermlin käme man nicht auf Swing-Band-Leader, und Wladimir Kaminer ist mal wieder ganz schön lässig. Man erwartet gesteigerten Antikommunismus, aber der ist in der Ausstellung doch sehr gedämpft. Die Kuratorinnen Janeke und Julia Franke haben sichtlich damit gerungen, dem Verhältnis von Befreiungsutopie und Gewalt gerecht zu werden, das sie linksliberal nur als »ambivalentes«, nicht als dialektisch vermitteltes denken möchten.

Pflastersteine

Im ersten Raum liegt eine Handvoll Pflastersteine in einer Vitrine. Wie sehr viele Exponate Leihgaben des Staatlichen Historischen Museums in Moskau. Die Steine seien in der Revolution 1905 in Moskau zum Einsatz gekommen, erklärt Janeke, im Arbeiterviertel Krasnaja Presnja. Dann zeigt sie auf ein Stück Stahl des Panzerkreuzers »Potemkin« an der Wand gegenüber. Hier macht die gute alte Gewalt durchaus den freundlichen Eindruck einer »Geburtshelferin jeder alten Gesellschaft, die mit einer neuen schwanger geht« (Friedrich Engels).

Es geht dann vorbei an einem »DDR-Souvenir« (Janeke) hinter Panzerglas, wunderschön ausgeleuchtet: einem kleinen Holzmodell des Gebäudes in Minsk, in dem 1898 der Erste Parteitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands stattfand. Vorher sah man Bilder der hungernden Landbevölkerung und eine Fotografie der Zarenfamilie, in der ab und an geisterhaft der Kopf von Karl Marx aufleuchtet, wie bei einem Computerspiel. Später sieht man eine grüne Fahne der russischen Armee, die Soldaten nach der Oktoberrevolution verändert haben: Bei der Parole »Für Glück, Zar und Vaterland« ist das Wort »Zar« mit einem Stück aus roten Stoff überklebt. Die Revolution beendete den Krieg, doch dann wurde ihr ein neuer aufgezwungen. Kaum waren die Bolschewiki an der Macht, kämpften sie mit der von Leo Trotzki geführten Roten Armee gegen die »Weißen«, gegen monarchistische Truppen, die von Großbritannien, Frankreich, den USA und Japan, den alten Verbündeten des Zarenreichs, unterstützt wurden. Mit acht bis zehn Millionen Toten hatte Russland im Bürgerkrieg mehr Opfer zu beklagen als im Ersten Weltkrieg. Am Ende stand die Gründung der Sowjetunion: am 31. Dezember 1922.

Antisemitismus

Auf einem Propagandaplakat der Weißen von 1919 thront ein teuflisch roter Trotzki mit Hakennase und Davidstern an einer Goldkette über einem Berg von Totenschädeln, während »asiatisch« aussehende Soldaten einen Gefangenen malträtieren, der an Jesus erinnert. Eine der Stärken der Ausstellung ist es herauszustellen, wie sich nach dem Beginn der Revolution in ganz Europa Antikommunismus mit Antisemitismus und Rassismus verband. Dagegen heißt es auf einem Plakat der KPÖ von 1920: »Stärkt die rote Welle!« Sie kommt aus Russland und strömt nach Mittel- und Westeuropa, wo sich die neuen kommunistischen Parteien bilden, deren Mitgliederzahlen in die Höhe schießen.

In der Ausstellung gibt es schiefe Wände, überall Zacken und gebrochene Schrifttafeln, »Keile«, sagt Janeke – was die Aufmachung angeht, haben sich die Macher an El Lissitzky orientiert. Auf der Tafel neben der Reproduktion seines Plakates »Schlag die Weißen mit dem Roten Keil« (1920) ist das ausdrücklich so vermerkt: »Seine Formen des Keils und des Kreises nimmt die Ausstellung in ihrer Architektur auf.« Überhaupt hat sie einen klar kulturhistorischen Schwerpunkt mit Beispielen aus avantgardistischer Malerei, Film, Literatur und Design. Um ihre Vorstellungen auch in die letzten Winkel des riesigen Landes zu tragen, setzten die Bolschewiki auf Bildung. Sie bekämpften den Analphabetismus, veranstalteten Straßentheater und setzten Agitationszüge als mobile Bibliotheken in Bewegung.

Und doch kommen die gewaltigen Auswirkungen der Revolution auf den Alltag zu kurz. Inwiefern die »Massen« von der neuen Ordnung profitierten, die in ihrem Namen aufgebaut wurde, wird weitgehend ausgespart. Statt dessen werden die Retuschen und Bildfälschungen der beginnenden Stalin-Zeit thematisiert, einmal mehr gibt es das Foto von Lenins Ansprache an die Rotarmisten auf dem Moskauer Swerdlow-Platz im Mai 1920, im Original mit Leo Trotzki und Lew Kamenew an der Tribüne, dann ohne sie.

Heutzutage interessanter sind die Fluchtbewegungen des alten Herrschaftsapparates nach seiner Niederlage. Zu Hunderttausenden verließen sie das Land, die Angehörigen der Aristokratie, des Militärs, des Bürgertums und der konservativen Intelligenz. Zu sehen ist der »Nansen-Pass«, den der Völkerbund 1922 als Reisedokument für Staatenlose explizit aus diesem Anlass einführte – hier ausgestellt für die Schauspielerin Tamara Matul, die spätere Lebensgefährtin von Rudolf Sieber, dem Ehemann von Marlene Dietrich.

Im Kollektiv

Der erwartbare Lenin-Kult findet nicht statt. Neben ein paar Büsten in einer Vitrine wird er nur auf einer kleinen Sammlung sowjetischer Briefmarken herausgestellt. Laut Kuratorin Franke ist er die weltweit meistabgebildete Person auf Briefmarken. Die Ausstellung betont mehr das Kollektiv der Bolschewiki. So auch auf dem anfangs erwähnten Wimmelbild, das Isaak Brodski 1924 nach vierjähriger Arbeit fertigstellte. Lenin eröffnet 1920 in Petrograd den Zweiten Kominternkongress inmitten von 600 Delegierten, die allesamt porträtiert sind. Von ihnen hätten »die russischen Kollegen« bislang 580 historischen Personen zugeordnet, sagt Janeke. Die Bildlegende, die noch kommen soll, wird nicht vollständig sein können. »Vielleicht 20« Teilnehmer könne man vorstellen, sagt Janeke und zeigt erst auf den Vertreter der indischen KP, dann auf Clara Zetkin, die in einem Filmschnipsel ein paar Meter weiter mit einem toten Fuchs um dem Hals einen bejubelten Auftritt vor Arbeitern hat. Auf dem Podium hinter Lenin sitzen Karl Radek, Grigori Sinowjew, John Reed, in der Menge lauscht ihm u. a. Béla Kun, dessen Reiseschreibmaschine (Ungarisch) aus dem sowjetischen Exil in der Ausstellung zu sehen ist. Alexandra Kollontai lehnt im Hintergrund an einer Säule. Joseph Stalin und am äußersten rechten Bildrand Feliks Dzierzynski blicken den Betrachter an.

Zum Elend der Vermittlung gehören die Stationen in »Leichter Sprache«. »Bolschewik« wird da »Bolsche*wik« geschrieben. Weil es ein Fremdwort ist, erklärt Janeke. Das darf nur zwei Silben haben, sonst können die Leute das nicht mehr aufnehmen. Während die Revolutionäre den Ärmsten noch in großen Kampagnen Lesen und Schreiben beibrachten, kämpfen die Berliner Kuratorinnen mit den neuen Lese- und Konzentrationsschwächen. Experten haben die Texte »leicht« formuliert, auch die depressive Schlussbemerkung im vorletzten Raum:

»In Russland denken heute einige Menschen lieber an den Zaren als an die Revolution. Denn der Zar war sehr mächtig und hatte ein großes Reich. Einige Menschen sagen:

– Die Revolution hat die Menschen voneinander getrennt.

– Die Revolution hat viel Unordnung gebracht.

Diese Menschen wollen keine Revolution mehr.«

Alle anderen schon.

Bis 15. April, Deutsches Historisches Museum, Berlin.

Zum umfangreichen Begleitprogramm gehören Diskussionen, Vorträge und ein Filmprogramm im Zeughauskino. Weitere Informationen unter: dhm.de/ausstellungen/1917-revolution


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