Aus: Ausgabe vom 24.10.2017, Seite 8 / Ausland

»Mittlerweile können wir 30 Frauen beherbergen«

Flüchtlingsorganisation betreibt in Marokko Unterkunft für Migrantinnen und deren Kinder. Gespräch mit Emmanuel Mbolela

Interview: Carmela Negrete
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Das Kind einer Geflüchteten sitzt in einem Camp in Marokko auf einem Stuhl. Das Lager, in dem es sich befindet, liegt nahe der spanischen Enklave Melilla (28. November 2013)

Sie sind aus dem Kongo geflohen, inzwischen leben Sie in den Niederlanden. Ihre Flucht führte Sie auch durch Marokko. Zusammen mit anderen Menschen haben Sie ein Frauenhaus für Migrantinnen in Rabat gegründet. Können Sie uns erzählen, wie das Projekt entstanden ist und warum Sie es gerade in Marokko verwirklicht haben?

Wir haben das Frauenhaus 2015 in Marokko gegründet, denn die Menschen, die dort ankamen, wussten oft nicht, wohin sie gehen, wo sie schlafen sollten. Sie wurden zudem oft als Sexobjekte missbraucht und ausgebeutet. Als wir davon erfuhren, haben wir zunächst damit angefangen, ihnen eine kleine Wohnung zur Verfügung zu stellen. Mittlerweile betreiben wir dort drei Wohnungen und können 30 Frauen beherbergen. Und ihre Kinder, denn die meisten von ihnen bringen ihre Kinder zu uns mit. Dieses Projekt ist auch deshalb möglich geworden, weil ich ein Buch verfasst habe, »Mein Weg vom Kongo nach Europa«, dessen Erlöse wir für die Ausrichtung einer Konferenz nutzen konnten. Auf ihr haben wir dann die Geldgeber für unser Projekt »Rasthaus in Rabat für Mi­grantinnen und ihre Kinder« gefunden.

Gibt es für die Geflüchteten in Marokko keine staatliche Unterstützung?

Ich glaube nicht, dass wir Geld von Marokko für ein solches Anliegen erhalten hätten. 2004 beziehungsweise 2005 gab es eine Phase der Regularisierung, mehr als 2.000 Menschen bekamen damals eine Aufenthaltserlaubnis. Aber als ich versuchte, Papiere zu bekommen, war das nicht mehr möglich. Ohne sie hat man aber keinen Zugang zum Arbeitsmarkt oder zum Gesundheitssystem.

In den spanischen Städten Melilla und Ceuta, die an der nordafrikanischen Mittelmeerküste liegen, gibt es einen Abwehrzaun gegen Grenzübertritte. Was bedeutet das für die Geflüchteten?

Die Geflüchteten haben oft eine lange und anstrengende Reise hinter sich. Und dann werden sie auch noch mit diesem Hindernis konfrontiert. Die Konsequenz ist für viele, dass sie über das Meer fliehen – was sehr gefährlich ist. In Europa schließt man die Grenzen, doch die Diktaturen Afrikas unterstützt man weiter.

Wissen die Bevölkerungen der EU-Staaten Ihrer Meinung nach ausreichend darüber Bescheid, was an der südlichen Grenze vor sich geht?

Es gibt eine große Indifferenz gegenüber diese Situation. Einige Nichtregierungsorganisationen helfen den Flüchtlingen, aber der größte Teil der Gesellschaft ist nicht genügend für das Thema sensibilisiert. Oder es ist ihm einfach egal.

Wie leicht – oder schwierig – ist die Integration in die Gesellschaft nach der Ankunft in Europa?

Viele Menschen werden danach sofort verhaftet und in Abschiebezentren gefangengehalten. Europa muss diese Einstellung ändern und den Flüchtlingen helfen, Wohnung und Arbeit zu finden. Sonst werden sie rasch obdachlos, was ja derzeit allzuoft der Fall ist. Die meisten sind hier, um zu arbeiten, um ihre Familien in ihren Heimatländern zu unterstützen. Die EU muss die Beziehung zwischen Ursachen und Wirkung verstehen: Es kann nicht sein, dass die Migranten kriminalisiert werden und dass man nicht untersucht, was sie zur Flucht zwingt. Die Länder hier müssen sich fragen: Welche Verantwortung haben wir?

Emmanuel Mbolela lebt in den Niederlanden. Er ist aus der Demokratischen Republik Kongo geflohen und engagiert sich bei der Organisation »Afrique-Europe-Interact«, einem 2009 gegründeten Zusammenschluss, in dem vor allem Menschen aus Mali, Togo, Deutschland, Österreich und den Niederlanden aktiv sind, unter ihnen zahlreiche Geflüchtete


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