Aus: Ausgabe vom 23.10.2017, Seite 8 / Ausland

»Brandanschläge auf Kirchen wurden inszeniert«

Mitglieder der Mapuche werden vom chilenischen Staat ­kriminalisiert. Ein Gespräch mit Romina González Arancibia

Interview: Martin Dolzer
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»Wir widerstehen«: Angehörige der Mapuche demonstrieren in Santiago de Chile (10. Oktober 2016)

Im südchilenischen Temuco befinden sich seit fast zwei Jahren vier politische Gefangene der Mapuche in Haft, die mit einem langanhaltenden Hungerstreik dagegen protestieren. Was sind die neuesten Entwicklungen?

Der 43jährige »Lonko«, Alfredo Tralcal Coche, ein Stammesoberhaupt, musste am 29. September nach 113 Tagen Hungerstreik, während einer Anhörung im Gerichtshof von Temuco, einer Stadt im Mapuche-Gebiet Araucania, mit inneren Blutungen in die Notaufnahme gebracht werden. Benito und Pablo Trangol Galindo wurden nach 116 Tagen ebenfalls aufgrund gravierender gesundheitlicher Probleme ins Krankenhaus eingeliefert. Deren Bruder, Ariel Trangol Galindo, befindet sich mittlerweile, trotz schwerer gesundheitlicher Probleme, seit 135 Tagen im Hungerstreik. Am vergangenen Dienstag wurden Alfredo, Benito und Pablo aus dem Krankenhaus entlassen und im Rollstuhl zurück ins Gefängnis gebracht. Da ihren Forderungen noch immer nicht entsprochen wird, überlegen sie den Hungerstreik wieder aufzunehmen. Robinson Trangol Galindo, ein weiterer Bruder, der Öffentlichkeitsarbeit zur Haftsituation und den Forderungen betreibt, hat mittlerweile mehrere Morddrohungen erhalten. Anonyme Anrufer forderten, er solle die Berichte über seine inhaftierten Brüder sofort einstellen.

Was wird den vier Inhaftierten vorgeworfen?

Sie sollen im Juni 2016 einen Brandanschlag auf eine Kirche in der Region Araucanía verübt haben. Brandanschläge auf Kirchen werden manchmal von Mapuche als Vergeltungsreaktion auf die Zerstörung ihrer heiligen Stätten durchgeführt. Unter der Regierung von Präsidentin Michelle Bachelet haben »Verdeckte Ermittler« aber mehrfach Brandanschläge gegen Kirchen inszeniert, um den Widerstand der Mapuche zu kriminalisieren und sie als Terroristen darstellen zu können. So offenbar auch in diesem Fall. Die Regierung stuft den Anschlag als »terroristischen Akt« ein, um ihn gemäß des sogenannten Antiterrorgesetzes verfolgen zu können. Dieses stammt noch aus der Zeit der Militärdiktatur unter Augusto Pinochet. Angeklagte können demzufolge auf Basis von anonymen Zeugenaussagen verurteilt werden. Es verwehrt zudem der Verteidigung in den ersten sechs Monaten des Verfahrens den Zugang zu den Ermittlungsakten und ermöglicht eine Untersuchungshaft von bis zu zwei Jahren. Hinzu kommt, dass Betroffenen ein zweites Verfahren durch die Militärjustiz droht. Innenminister Mario Fernández Baeza hatte den Familienangehörigen versprochen, dass das Antiterrorgesetz in diesem Fall nicht angewandt werde. Eingehalten hat er diese Vereinbarung allerdings nicht.

Ein Teil der Repression und der Einschüchterungsversuche ist, dass den ohnehin finanzschwachen Mapuche durch die Inhaftierung der arbeitenden Familienmitglieder die materielle Grundlage entzogen wird. Welches sind die politischen Forderungen der Indígenas?

Die Mapuche fordern seit Jahrzehnten die Rückgabe des Landes ihrer Vorfahren und Entschädigung der Landverluste im Zuge der Pacificación im 19. Jahrhundert, außerdem die Anerkennung als indigenes Volk im chilenischen Staat, die Entmilitarisierung ihres Territoriums und die Bildung einer autonomen Regierung im Gebiet südlich des Bío-Bío-Flusses. Bachelet hatte im Juni versprochen, die Rechte der Mapuche anzuerkennen und ihre wirtschaftliche Situation zu verbessern, was bis heute nicht geschah. In den vergangenen Wochen kam es statt dessen vermehrt zu Razzien und Polizeigewalt. Bei Protesten wurden insbesondere auch Frauen, Kinder und ältere Menschen mit Gummigeschossen und scharfer Munition beschossen.

Gibt es in weiteren Ländern eine Solidaritätsbewegung?

In Chile, Argentinien und Europa kam es in den letzten Monaten mehrfach zu Protesten und Solidaritätsdemonstrationen. In Argentinien »verschwand« dabei der 28jährige linke Aktivist Santiago Maldonado aus Buenos Aires (das Interview wurde geführt, bevor Maldonados Leichnam am vergangenen Dienstag gefunden wurde, jW). Daraufhin entwickelte sich die weltweite Bewegung »Wo ist Santiago Maldonado?«. Kurze Zeit nach seinem »Verschwinden« fanden in vielen Städten Demonstrationen statt. So auch in Berlin und Hamburg. Menschenrechtsorganisationen verlangen von der argentinischen Regierung Aufklärung, was mit Maldonado passiert ist. Der Verdacht steht im Raum, dass er, nachdem er bei seiner Festnahme in einen Mannschaftswagen der Polizei gebracht wurde, von der Gendarmerie ermordet wurde.

Romina González Arancibia lebt in Hamburg und engagiert sich in der Gruppe »Für die Menschenrechte der Mapuche« (Wajmapu)

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