Aus: Ausgabe vom 23.10.2017, Seite 5 / Inland

»Im wesentlichen Realität nachgezeichnet«

In Berlin wurde über den Wahrheitsgehalt der DDR-Wirtschaftsstatistik diskutiert

Von Jörg Roesler
Planwirtschaft.jpg
Blick auf den »Dessauer Kalender«, der den Zwischenstand im Wettkampf um die vorzeitige Planerfassung unter Traktoristen im Wilhelm-Pieck-Aufgebot anzeigt (Magdeburg, 1. November 1955)

Kamen die Zahlen der DDR-Statistik aus der Fälscherwerkstatt? Oder lügen gar die heutigen Statistiken? Diese provokanten Fragen zu stellen, versprachen am vergangenen Donnerstag zwei ausgewiesene Experten. Rohnstock-Biografien hatte in den Generaldirektoren-Salon in ihrem Unternehmenssitz in Berlin eingeladen. Ein zahlenmäßig bescheidenes, aber – wie sich herausstellte – außerordentlich interessiertes Publikum hatte sich dort eingefunden.

Als erster sprach Wolfgang Kühn, langjähriger leitender Mitarbeiter der Staatlichen Zentralverwaltung für Statistik der DDR und stellvertretender Präsident ihrer kurzlebigen Nachfolgeinstitution, des Amtes für Statistik der fünf neuen Bundesländer. Er hatte noch an der im August 1989 fertiggestellten internen »Analyse über die Hauptproportionen der Entstehung und Verwendung des Nationaleinkommens« mitgewirkt. Diese und andere Originalexemplare von statistischen Veröffentlichungen jener Zeit stellte er dem Publikum als Anschauungsmaterial zur Verfügung.

Kühn erläuterte, dass er und seine Kollegen sich seit Ende 1989 zunehmend Vorwürfen ausgesetzt sahen. Es hieß, sie hätten Statistiken massenhaft gefälscht, unter anderem mit der Absicht, anvisierte wirtschaftliche Erfolge vorzutäuschen. Exemplarisch konnte man das in dem 1991 veröffentlichten Buch des Wirtschaftsprofessors Walter Krämer mit dem Titel »So lügt man mit Statistik« nachlesen. Auch in den Veröffentlichungen von Peter von der Lippe, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Duisburg-Essen, wurde behauptet, dass die amtliche Datenanalyse seitens der SED-Führung vornehmlich als »Instrument von Agitation und Propaganda« missbraucht worden war.

Nach dem Anschluss der DDR an die BRD stützten sich die »Enthüllungen« zunächst auf derartige Aussagen von westdeutschen Fachleuten. In dieses Klima fiel im April 1991 die Publikation der Resultate einer »Untersuchung zur Validität der statistischen Ergebnisse für das Gebiet der ehemaligen DDR«. Diese war ab 1990 vom Statistischen Bundesamt, unter Beteiligung des Statistischen Amtes für die neuen Bundesländer vorgenommen worden. In Unternehmen des produzierenden Gewerbes, des Einzelhandels und in Agrarbetrieben Ostdeutschlands wurde über Monate recherchiert, wieweit der Wirtschaftsablauf von seiten der DDR-Statistik adäquat erfasst werden konnte und wurde. Egon Hölder, der damalige Präsident des Statistischen Bundesamtes, fasste das Ergebnis im April 1991 so zusammen: Die Datenanalyse habe im Wesentlichen die Realität nachgezeichnet, der Plan sei der Wirklichkeit gefolgt.

Damit waren die DDR-Statistiker in den Augen ihrer bundesdeutschen Kollegen rehabilitiert. Anders als in vielen weiteren Bereichen von Wirtschaft und Verwaltung im Osten wurde mit ihnen relativ glimpflich umgegangen. Von einer kleinen Zahl oberster Entscheidungsträger abgesehen durften sie in ihrem Beruf weiterarbeiten. Darüber berichtete im zweiten Diskussionsbeitrag Gerhard Heske, über Jahre Forschungschef in der Statistischen Zentral­verwaltung der DDR.

Außerhalb der statistischen Institutionen, vor allem durch Presse und Rundfunk der BRD, wurde Hölders Aussage allerdings weitgehend ignoriert. Somit konnten die Fälschungsvorwürfe öffentlich aufrechterhalten und bis heute weiterverbreitet werden. Das merkte man auch der sich den Vorträgen anschließenden Diskussion an, in der einige Zuhörer hartnäckig darauf bestanden, dass die DDR-Statistik die »Mauscheleien« in der Berichterstattung der auf die Erfüllung von bestimmten Plankennziffern festgelegten Betriebe häufig nicht habe erkennen und korrigieren können. Das Misstrauen galt aber nicht nur der Berechnungsmethoden im Arbeiter und Bauernstaat, sondern der Exaktheit der statistischen Widerspiegelung ökonomischer Entwicklungen auf Betriebs- oder Kombinatsebene generell.

Jetzt aber Abo!

Debatte

Bewerte diesen Artikel:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Inland