Aus: Ausgabe vom 21.10.2017, Seite 4 / Inland

»Trend« zu Flächenbombardements

Thesenpapier: Die Bundeswehr plant alles selbst, was Berlin gewöhnlich Russland in die Schuhe schiebt

Von Jörg Kronauer
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Airbus A310 MRTT der Luftwaffe während der Betankung zweier Tornados und zweier Eurofighter am Fliegerhorst ­Rostock-Laage (2015)

Das Szenario hat es in sich: Es kracht zwischen der NATO und Russland, und zwar im Baltikum. Die Bundeswehr soll schnellstmöglich Verstärkung nach Litauen verlegen. Das ist recht schwierig, denn Russland verfügt über eine hocheffiziente Luftabwehr, und der zeitraubende Anmarsch über Land ist aufgrund des Zeitdrucks keine Option. Was tun? Ein aktuelles Papier aus dem Kommando Heer bietet Rat. Die fliegenden Truppentransporter werden demnach von einem Drohnenschwarm begleitet, der dieselben Signale aussendet wie eine riesige Anzahl an Kampfhubschraubern und damit die russische Luftabwehr vollkommen überfordert. Parallel erfolgen Luftangriffe sowie Attacken mit Raketen von Land und von See. Und natürlich führt die Bundeswehr auch Cyberangriffe und elektronische Störmaßnahmen durch. Das genügt, um für eine Weile die russische Abwehr kalt zu stellen und die eigenen Truppen sicher ins Baltikum zu bringen – jedenfalls, wenn es nach den Vorstellungen führender deutscher Heeresoffiziere geht.

Das Thesenpapier »Wie kämpfen Landstreitkräfte künftig?« wurde offenbar gezielt an die Medien lanciert. Verfasst worden ist es von einem Autorenteam unter der Leitung von Generalleutnant Frank Leidenberger, der zur Führung des Kommandos Heer in Strausberg gehört. Es beschreibt, wie Militärs sich den Landkrieg der Zukunft vorstellen; und um möglichst plastisch zu sein, stellt es mögliche Kampfszenarien dar. Dass diese sich zwischen russischen und NATO-Truppen im Baltikum abspielen, wird nicht ausdrücklich gesagt, ist aber klar erkennbar. Einerseits ist das Papier erklärtermaßen eine »Anregung zur Diskussion«, ein »Auftakt für das zu erstellende ›Operationskonzept für Landstreitkräfte‹«. Andererseits soll das Dokument, so ist zu hören, bei denjenigen kräftig Stimmung machen, die die vom Deutschen Heer heiß ersehnte Aufrüstung bewilligen müssen: bei den Abgeordneten im Deutschen Bundestag. Das ist wohl auch der Grund, weshalb das Thesenpapier jene griffigen Szenarien für die Kriegführung der Zukunft enthält.

Da wäre zum Beispiel das Teilszenario »Fliegerabwehr/Counter-UAV« (Unmanned aerial vehicle). Klar, wenn die Bundeswehr mit Drohnenschwärmen angreifen kann, dann können das auch die russischen Streitkräfte. Wie geht man dagegen vor? Nun, die Schützenpanzer »Puma«, die in dem Szenario gerade zum Angriff übergegangen sind, sind mit Aufklärungsdrohnen vernetzt, die ihnen die Ziele präzise zuweisen; deshalb können sie ihre Bordmaschinenkanonen massiv mit »Airburst-anti-UAV-Munition« zur Anwendung bringen, die eine »Splitterwirkung im Sinne eines ›Sperrvorhangs‹« erzielt. Zusätzlich sind die Gefechtsfahrzeuge GTK »Boxer« mit einem wirksamen »Counter-UAV-Missionsmodul« ausgestattet, das die feindlichen Drohnenschwärme mit Hilfe von HPEM (High-Power Electromagnetics) oder HEL (High-Energy Laser) zum Absturz bringt. »Durch den kombinierten Einsatz kann der Angriff abgewehrt werden«, heißt es in dem Thesenpapier aus dem Kommando Heer.

Die Hightech-Kriegsszenarien zeigen zweierlei. Zum einen: Die Bundeswehr plant alles selbst, was Berlin gewöhnlich Russland in die Schuhe schiebt - Cyberangriffe, die Nutzung von »Fake News«, um den Feind zu täuschen. Zum anderen: Der zunehmende Einsatz von – teilweise autonomen – Kriegsmaschinen führt zu weiterer Brutalisierung. Das »Gefechtsfeld« werde nicht nur - durch die Nutzung von Aufklärungsdrohnen und -satelliten sowie Onlinequellen - »gläsern«, heißt es in dem Dokument; es werde durch das »Zusammentreffen von verbesserter Aufklärung, schnelleren Entscheidungs- und Bekämpfungszyklen (...) und zielgenaueren und verbesserten Wirkmitteln« – mit »Wirkmitteln« sind Waffen gemeint – »letaler«, tödlicher, »selbst für gutgeschützte Kräfte«. Hinzu kommt laut dem Heereskommando ein neuer »Trend« zu großflächigen Bombardements, beispielsweise unter Nutzung von Streumunition; dadurch könnten, so heißt es, ganze Bataillone binnen Minuten vollständig ausradiert werden. An diesem Trend will das deutsche Heer, wie man dem Thesenpapier entnehmen kann, teilhaben: Es möchte in Zukunft ebenfalls »über Munition zur wirksamen Bekämpfung von Flächenzielen verfügen«.

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