Aus: Ausgabe vom 18.10.2017, Seite 16 / Sport

Mentaler Rückzug

Von André Dahlmeyer, Paraná
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Es passiert den Boca Juniors öfters, dass sie das Spielgerät vor lauter Konfetti kaum erkennen können. Hier ein historisches Foto aus dem Hinspiel im Finale der Copa Libertadores im Juni 2001, das sie letztlich im Elfemterschießen gegen Cruz Azul gewinnen konnten

Einen wunderschönen guten Morgen! Am sechsten Spieltag der argentinischen Superliga festigten die Boca Juniors ihre Tabellenführung, während der ewige Rivale River Plate weiter an Terrain einbüßte. Boca ist seit Oktober letzten Jahres an der Spitze, als man auswärts bei River gewonnen hatte. Dazwischen lagen ein Meistertitel und die Torjägerkrone für Darío Benedetto, doch beide machten genau so weiter – Boca, und Benedetto auch. Der hat schon wieder sechs Tore auf dem Kerbholz und mittlerweile ist er sogar Nationalspieler. In der WM-Qualifikation der Südamerikaner wurde er gegen Venezuela in der zweiten Halbzeit für Mauro Icardi eingewechselt, gegen Peru und in Ecuador stand er jeweils in der Startformation. Eingelocht hat er freilich nicht, genausowenig wie Icardi (der am Sonntag für Inter mit einem Hattrick den aufgerüsteten AC Milan abschoss). Noch scheint beiden das Trikot der »Albiceleste« ein wenig zu groß geraten.

In Argentinien trat Boca Juniors das erste Mal seit 39 Jahren wieder in Paraná (Provinz Entre Ríos) und gegen Patronato an. Die Veranstalter schossen ein Feuerwerk in den Nachthimmel. Der anschließende, metallisch-violette Konfettiregen war so extrem, dass sich der Anpfiff des Spiels um eine halbe Stunde verzögerte, weil weder Kalklinien noch der Ball zu erkennen waren. Schließlich »bereinigten« zwei Balljungen mit Laubrechen die Chose, der Argentinier weiß Handarbeit noch zu würdigen. Fahren Sie doch mal bei uns tanken! Da kommen in der Regel bis zu sieben Heinis auf Sie zugeschnellt, die sich darum kloppen, wer denn nun den verdammten Einfüllstutzen in den blöden Tank hängen kann!

Bei Boca war das Fehlen von Fernando Gago (doppelter Kreuzbandriss im Länderspiel in Ecuador) und dem Kolumbianer Edwin Cardona unübersehbar. Niemand trug den Ball sauber aus der Abwehr hinaus, ein Spielaufbau fand kaum statt. Patronato stellte geschickt die Räume zu. Nach zehn Minuten konnten die Gastgeber einen Konter trotz Fünf-gegen-zwei-Überzahl nicht nutzen. Nach dem Wiederanpfiff legte Benedetto auf Cristian Pavón, und der junge Flügelflitzer notierte schamlos das 1:0 für Boca Juniors. Danach konnten die »Xeneizes« schalten und walten wie sie wollten. Letztlich war es wieder einmal Benedetto, der nach glänzender Vorarbeit des kolumbianischen Außenverteidigers Frank Fabra aus dem Fünfer heraus zum 2:0 einschob. Es sieht immer alles so einfach aus bei Benedetto, und ja – die Laufwege, die er rennt, sind einfach exzellent. Das 0:2-Endresultat war dasselbe Ergebnis wie 1978. Ob Boca schon jemals mit sechs Siegen am Rosenkranz in eine Saison gestartet ist (bislang ein Gegentor), daran kann ich mich nicht erinnern. Ein Auswärtsspiel haben sie zuletzt im August 2016 verloren, bei Lanús, dem damaligen Titelverteidiger.

Für Copa-Libertadores-Semifinalist River Plate sieht es ungleich anders aus. Nach drei Auftaktsiegen folgte im Heimspiel gegen Atlético Tucumán nun das dritte Remis in Serie. Trainer Marcelo Gallardo schonte für das heutige Viertelfinalmatch in der Copa Argentina gegen Unterklassenklub Atlanta die meisten Stammspieler. Das verstand niemand. Gleich nach der Pause gelang Milton Casco das 1:0, ad hoc erhöhte der kolumbianische Jungspund Rafael Santos Borré auf 2:0. In der Folge zog sich River mental zurück, und Altstar »Floh« Rodríguez gelang nach einem bösen Abwehrpatzer von Alexander Barboza der Anschlusstreffer. Auch der Ausgleich durch Ismael Blanco fiel nach einer Einladung von Barboza. River verzockte zum dritten Mal hintereinander eine Führung und hat nach sechs Spielen bereits sechs Punkte Rückstand auf Boca Juniors. Am 5. November kommt es zum Gipfeltreffen, dem sogenannten Superclásico.


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