Aus: Ausgabe vom 11.10.2017, Seite 16 / Sport

Ehrlich währt am längsten

Von André Dahlmeyer
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Schmerzensmänner in La Paz im April 1997: Daniel Passarella (vorne links) hilft Julio Cruz raustragen. Später werden sie sagen, dass es gar nicht weh getan habe

Einen wunderschönen guten Morgen! In seiner Amtszeit als Auswahllehrer der argentinischen »Albiceleste« tat Daniel Alberto Passarella alles, um sich noch unbeliebter zu machen, als er ohnehin schon war.

1978 war er noch Menottis »Gran Capitán« bei der gewonnenen Heim-WM gewesen. Nationaltrainer wurde er, nachdem Alfío »Coco« Basile bei der WM bei den Yanquees 1994 mit der »Albiceleste« nicht über das Achtelfinale (2:3 gegen Rumänien) hinausgekommen war. Eine seiner ersten Amtshandlungen war ein Dekret, das die Nationalspieler anwies, sich die Haare schneiden zu lassen und ihnen Ohrringe verbot.

Freilich musste man sich für die nächste WM erst noch qualifizieren. Der Weg führte im Apiril 1997 in die gefürchtete Höhe von La Paz (3600 Meter über dem Meeresspiegel). 23 Tage lang akklimatisierten sich die Argentinier in der Grenzstadt La Quiaca in der silberländischen Hochebene. In Bolivien wurde Passarella wie erwartet aggressiv empfangen und gleich bei der ersten Pressekonferenz als Feigling tituliert. Danach mied er die Medien demonstrativ. Im von einer atemberaubenden Berglandschaft flankierten Stadion »Hernando Siles«, wurde er auf Dutzenden Transparenten attackiert. Auf einem stand: »Passarella, dein Sohn spielt oben!« Eine Geschmacklosigkeit, die auf den tragischen Tod seines Sohnes Sebastián anspielte.

Ende der ersten Halbzeit gegen Bolivien verpasste Erwin »Happy« Peredo, Funktionär der Heimelf, dem Kinesiologen der Argentinier, Hernán Arsenian, eine Kopfnuss, während der die gebrochene Nase von Abwehrspieler Hernán Díaz behandelte. In der zweiten Halbzeit, Argentinien lag mittlerweile mit 1:2 hinten, verloren die Spieler Passarellas vollends die Beherrschung. Gustavo Zapata sah die rote Karte und zettelte daraufhin einen Skandal an, auf den sich die offenbar ghandistisch verblendeten Heimkicker jedoch partout nicht einlassen wollten. Dafür verpasste »Nacho« González, Argentiniens Tormann, Demetrio Angola einen Kopfstoß von hinten, den der gerne noch mal in Zeitlupe gesehen hätte.

Als Gaucho-Stürmer Julio Cruz den Ball nahe der Heimbank auflesen wollte, traf ihn zuvor der Faustschlag von José Manuel Trujillo, Chauffeur der Andenkicker, am rechten Wangenknochen und knockte ihn vorübergehend aus. Kurz darauf rannten erst Cruz, Díaz und Roberto Sensini hinter dem flüchtigen Chauffeur her, dann Polizisten mit Schlagstöcken und Lähmungsgas hinter den Kickern. Passarella, Diego Cagna und Mannschaftsarzt Luis Seveso nutzten den Tumult, um Cruz in die Umkleide zu verfrachten. Nachdem die noch verbliebenen vier Minuten zu Ende gespielt waren, hatte Bolivien gewonnen.

Nach dem Spiel präsentierte Argentiniens Pressechef Eduardo Bongiovani der versammelten Fotografenschar den auf einer Trage liegenden, blutüberströmten Julio Cruz. Zur Überraschung der Reporter rann Cruz das Blut jedoch aus einer Platzwunde am linken Wangenknochen. Passarella und Compañía waren aufgeflogen, die Punkte endgültig futsch. Zudem erinnerte man sich ad hoc an den Fall Roberto Rojas. Der chilenische Tormann hatte 1989 bei einem WM-Quali-Match im Maracaná nach dem Wurf einer Bengala eine identische Verletzung vorgetäuscht und war anschließend lebenslang gesperrt worden, wie auch der Trainer und der Arzt. Zudem wurde Chile eliminiert und für die WM 1994 »gesperrt«.

Sevesos »neue Version« war das Gegenteil der ersten. Nun hatte »auf gar keinen Fall« der Fausthieb des charmanten Chauffeurs die Wunde hervorgerufen. Da der 1. Vizepräsident der FIFA, Havelange-Ziehkind Julio Grondona, auch der des argentinischen Verbands war, wurde die Chose geregelt wie immer – »unter Freunden«. Luis Seveso, der Mann mit dem Nachnamen eines Chemieunglücks, ist heute bei River Plate Buenos Aires angestellt. Dort wurden gerade zwei Spieler wegen eines »mysteriösen« Dopingfalls jeweils sieben Monaten gesperrt.


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