Aus: Ausgabe vom 11.10.2017, Seite 5 / Inland

Wochenarbeitszeit verkürzen

Vorstand der IG Metall empfiehlt Forderungen für die Metallindustrie

Von Stefan Thiel
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Angesichts von Arbeitsverdichtung und Stress für viele ein wichtiges Thema: Streikende des Bosch-Siemens-Hausgerätewerks im brandenburgischen Nauen fordern mehr freie Zeit (29. Mai 2017)

Der Vorstand der IG Metall hat seine Forderungsempfehlung für die anstehende Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie mit ihren 3,9 Millionen Beschäftigten beschlossen. Er empfiehlt den regionalen Tarifkommissionen der Gewerkschaft, über eine Erhöhung der Löhne und Ausbildungsvergütungen um sechs Prozent bei einer Laufzeit von 12 Monaten zu diskutieren und diese zu beschließen. Zudem schlägt die IG-Metall-Spitze vor, einen individuellen Anspruch auf eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit auf bis zu 28 Stunden für einen begrenzten Zeitraum von bis zu zwei Jahren zu fordern. Danach soll es einen Anspruch geben, zur ursprünglichen Arbeitszeit zurückzukehren. Dies teilte die Gewerkschaft am Dienstag in Frankfurt am Main mit.

»Neben deutlichen Einkommensverbesserungen angesichts einer wirtschaftlich hervorragenden Lage wollen wir das Zukunftsthema Arbeitszeit tariflich anpacken. Die Flexibilisierung der Arbeitszeit in den Betrieben darf nicht weiter einseitig zu Lasten der Beschäftigten gehen, sie muss ihnen auch nutzen. Die Beschäftigten wollen selbstbestimmte Arbeitszeiten, die zu ihrem Leben passen, und wir wollen einen Anspruch darauf durchsetzen«, erklärte IG-Metall-Chef Jörg Hofmann.

Damit verzichtet die Gewerkschaftsführung allerdings auf die Forderung nach einer kollektiven Reduzierung der Arbeitszeit und leistet einer weiteren Individualisierung der Tarifpolitik Vorschub. Hofmann begründete die Empfehlung hingegen mit den Bedürfnissen der Lohnabhängigen: »Wie Arbeitszeit betrieblich gestaltet wird, darf sich nicht allein an Markterfordernissen ausrichten, die Bedürfnisse der Beschäftigten müssen ebenso maßgeblich sein.«

Damit sich zumindest ein Teil der Metallarbeiter die Arbeitszeitverkürzung auch finanziell leisten kann, empfiehlt der Vorstand einen Entgeltzuschuss für diejenigen, die weniger arbeiten wollen oder müssen, um Kinder unter 14 Jahren zu betreuen oder Familienangehörige zu pflegen. Für diese Beschäftigten soll es einen fixen Zuschuss geben, wenn sie ihre Arbeitszeit um mindestens 3,5 Stunden verringern. Für Schichtarbeiter, die ihre Arbeitszeit um mindestens fünf Tage im Jahr verkürzen, soll es ebenfalls eine Art teilweisen Lohnausgleich geben.

Darüber hinaus fordert die IG Metall eine Angleichung der Löhne und Arbeitszeiten in Ost- und Westdeutschland. Im Osten müssen die Beschäftigten bisher drei Stunden länger arbeiten als ihre Kollegen im Westen – und das zu niedrigeren Löhnen. Die Tarifverhandlungen für die Branche sollen am 15. November beginnen. Die Friedenspflicht endet am 31. Dezember.

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