Aus: Ausgabe vom 11.10.2017, Seite 1 / Titel

Krieg auf allen Kanälen

In Kürze beginnt Bild.de mit der Ausstrahlung von »Bundeswehr exclusive«. Erstmals berichten deutsche Soldaten aus dem Ausland

Von Arnold Schölzel
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Bild: »Und bald können Zuschauer hautnah dabeisein«

Es ist Krieg, und alle sollen hingehen. Jedenfalls, wenn es nach der Propagandaabteilung des immer noch so firmierenden Bundesverteidigungsministeriums geht. Am Donnerstag ab 11 Uhr zeigt Bild.de in schönster öffentlich-privater Partnerschaft mit der Behörde »mehrere Sneakpreviews zu den neuen Folgen von ›Bundeswehr exclusive‹«. Das ist lediglich der mediale Trommelwirbel zur Offensive, die am kommenden Montag folgt: Bild widmete am Sonnabend dem Ereignis fast die gesamte Seite drei und verkündete: »Nach dem Erfolg der Webserie ›Die Rekruten‹ (245.690 Abonnenten) startet am 16. Oktober bei Youtube ›Bundeswehr exclusive‹. Erstmals berichten deutsche Soldaten direkt von einem Auslandseinsatz.« Nämlich aus der Wüste. Im Bild-Frontsprech: »Patrouillen bei 45 Grad im Schatten. Stickige Nächte in kugelsicheren Containern ohne Fenster. 900 Soldaten der Bundeswehr sind derzeit im ›Camp Castor‹ in Mali (Westafrika) stationiert, trotzen den knallharten Bedingungen in der Sahara.« Deutsche Frauen und Männer bieten also wieder einmal in fernen Ländern dem Wetter die Stirn. Nicht »General Winter« wie vor 76 Jahren vor Moskau ist der Feind, sondern die Hitze. Die einheimische Bevölkerung interessiert bei der »Landesverteidigung«, für die allein laut Grundgesetz Streitkräfte aufzustellen sind, in Gegenden, in denen der Durchschnittsdeutsche keinen Urlaub macht, wenig.

Bei Bild ist zu erfahren, »islamistische Räuberbanden« tyrannisierten Mali, erwähnt wird aber nicht der Krieg der NATO-Freunde USA, Großbritannien und Frankreich 2011 in Libyen – mit Hilfe islamistischer Räuberbanden. In deutschen Groß- und Qualitätsmedien ist davon nie die Rede, wenn es um die Bundeswehr-Stationierung in Mali geht. Der Feldzug gegen den libyschen Staatsführer Muammar Al-Ghaddafi diente zunächst dessen Ermordung. Die damalige US-Außenministerin Hillary Clinton giggelte nach dessen bestialischer Abschlachtung in Kameras: »Wir kamen, wir siegten, er starb.« Seitdem ist der libysche Staat zerfallen, kämpfen alle südlichen Nachbarn mit den bewaffneten Söldnern, die von dort aus über sie herfielen, um ihre Existenz.

In Mali griff Frankreich Anfang 2013 militärisch ein. Hunderttausende Menschen wurden zu Flüchtlingen. Paris überließ anschließend das Feld weitgehend anderen Ländern. Am 28. Februar 2013 beschloss der Bundestag erstmals die Entsendung von Soldaten nach Mali, angeblich zu Ausbildungszwecken. Zuletzt am 26. Januar 2017 verlängerte das Parlament das Mandat für die »Stabilisierungsmission« Minusma unter UN-Führung. Zugleich wurde die Personalgrenze für das deutsche Kontingent auf 1.000 Soldatinnen und Soldaten erhöht – von 11.000 Minusma-Angehörigen insgesamt. Die Truppe ist immer wieder Angriffen ausgesetzt, die schon zahlreiche Tote und Verletzte gefordert haben. Am 26. Juli 2017 stürzte ein Kampfhubschrauber »Tiger« der Bundeswehr im Norden Malis ab. Beide Besatzungsmitglieder kamen dabei ums Leben. Laut Bundeswehr ist die Absturzursache bislang unklar.

Eine klar umrissene Aufgabe hat die Truppe unter diesen Umständen nicht. Sie ist faktisch in ihrem Camp eingeschlossen. Da hilft Militainment. Bild deutete am Sonnabend an, was die Zuschauer von »Bundeswehr exclusive« ab Montag zu erwarten haben. Das Blatt versah das Bild eines deutschen Soldaten mit dem Text: »130 Tage ist Oberfeldwebel Dominik (31) in Mali im Einsatz, vertritt dort die deutschen Werte.«

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