Aus: Ausgabe vom 13.10.2017, Seite 16 / Sport

Mit Messi in der Höhenluft: Es gibt eine WM!

Von André Dahlmeyer, Quito
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Liebesgrüße nach Moskau (Lionel Messi und Jorge Sampaoli)

Am Dienstag endeten in Südamerika die »Eliminatorias«. So wird die Fußball-WM-Qualifikation auf dem Kontinent genannt, für viele Eingeborene die »eigentliche WM« ohne Italien und Deutschland. Nirgendwo ist die Konkurrenz härter. Gespielt wird in nur einer Gruppe. Jeder gegen jeden. Über einen Zeitraum von zwei Jahren. Die Teams aus dem Flachland müssen in der Höhenluft von La Paz, Quito und Lima antreten oder in der bestialischen Tropenhitze von Barranquilla (Kolumbien). Wer in Regionen arbeitet, in denen sich mit Fußball Geld verdienen lässt, muss für die Teilnahme Weltreisen unternehmen, und wenn es vor den Spielen überhaupt eine Trainingsmöglichkeit für ihn gibt, dann nur mit Jetlag. In vielen Ländern des Subkontinents werden die Kicker dennoch in den Medien (die meisten sind »Mitte-Rechts«) als »Söldner« geschmäht.

Vor dem letzten Doppelspieltag war nur Brasilien für die Russland-WM qualifiziert. Unter »Tite«, also seit Juni 2016, hat die »Seleção« kein Pflichtspiel verloren. Vizeweltmeister Argentinien kam am vorletzten Spieltag in der »Bombonera« in Buenos Aires zu einem torlosen Remis gegen Peru. Die Eintrittskarten waren teurer als für eine Oper im legendären Teatro Colón (und damit immer noch »günstig«: auf der Straße kostete das Ticket 1.400 Euro aufwärts). Das Finale folgte am Dienstag im »Atahualpa« von Quito gegen Ecuador, das exzellent in den Wettbewerb gestartet war (Sieg in Buenos Aires et cetera), dann aber nach und nach an Boden verloren und die WM-Teilnahme schließlich in Santiago in den Sand gesetzt hatte.

Bei der Pressekonferenz nach dem Peru-Spiel beteuerte Argentiniens Trainer Jorge Sampaoli: »Wir sind gut drauf! Heute würden wir Ecuador schlagen! Das Klima in der Umkleide ist Enthusiasmus pur!« Und das in seiner schnodderig-emotionslosen Art. Im übrigen sei das argentinische Team »psychologisch gestärkt« aus der Nullnummer hervorgegangen. Das hatte nur er gesehen. »Wir brauchen viel Geduld!«

In Quito lungerten einheimische Fans schon morgens um acht vor dem Stadion herum, das dennoch höchstens halbvoll wurde. Die meisten hofften, dass Ecuador gewinnen und Argentinien sich qualifizieren würde, denn »eine WM ohne Messi ist keine WM«. In Brasilien sahen das viele anders. Damit Argentinien außen vor bliebe, beteten sie für eine Niederlage ihrer Seleção gegen Chile. Ein ähnlich realitätsferner Diskurs wie der von Sampaoli. Ich vertraute voll und ganz auf Neymar & Companhia.

Nach 45 Sekunden walzten die jungen Wilden Ecuadors in Quito die Gäste in Grund und Boden. Ihre Kopfballstafette im Sechzehner ließ vor allem Mascherano alt aussehen, und Roberto Ibarra dingste die Pille in den argentinischen Kasten, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Sampaoli berserkerte. Was folgte, war ein spektakulärer Auftritt von Lionel Messi, der in seinem fünften Spiel in der Altura (Höhenluft) erstmals einlocht, und das gleich dreifach. Seine Länderspieltreffer 59, 60 und 61 erzielte er, weil das Team genau im richtigen Moment auftauchte, denn ohne das Team ist Messi auch nur ein Hans Meiser des Balltretens.

In der Nacht der Nächte hat also, wen wundert’s, wieder einmal Messi den Scheck unterschrieben. Für die meisten Argentinier ist er nach wie vor ein »Scheiß-Katalane«. Aber mit ihm wurde kein einziges Spiel verloren. Aus der argentinischen Umkleide drangen nach dem historischen Match Gesänge, fast alle gegen Journalisten. Die haben mich nicht reingelassen, aber ich habe sehr schön gesungen, fast schon zu schön. Die draußen hassten mich alle. Eine eigene Stimme hatten sie ja nicht.


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