Aus: Ausgabe vom 13.10.2017, Seite 8 / Inland

»Verhandeln Tarifverträge für unsere Mitglieder«

IG BAU will Kollegen für sich gewinnen: Verbesserungen sollen nur Gewerkschaftern zugute kommen. Gespräch mit Robert Feiger

Interview: Johannes Supe
IG_BAU_48303731.jpg
»Wir sind eine Mitgliederorganisation, keine gemeinnützige oder karitative Einrichtung. Dabei ist jeder willkommen, der IG BAU beizutreten. Wir wollen in Zukunft sogenannte Differenzierungsklauseln in Tarifverträgen erreichen, das heißt: bessere Leistungen nur für Mitglieder.« – Robert Feiger, Vorsitzender der IG BAU

Von Montag bis Donnerstag hielt die IG BAU ihren alle vier Jahre stattfindenden Gewerkschaftstag ab. Eines der bestimmenden Themen des Kongresses: die Verbandsentwicklung. Auch in den vergangenen Jahren hat die Gewerkschaft an Mitgliedern verloren. Was gibt es an guten Nachrichten zu vermelden?

Im Dienstleistungsbereich können wir eine gute Entwicklung vorweisen, gerade in der Gebäudereinigung. Sehen Sie, die Kolleginnen und Kollegen in diesen Berufen müssen immer mehr Quadratmeter in der gleichen Zeit reinigen. Das geht ihnen natürlich auf die Knochen. Mit unserer Tarifpolitik wenden wir uns dagegen, schließen Vereinbarungen gegen die Arbeitsverdichtung ab. Unsere Lohnforderung – einen Euro mehr pro Stunde für alle – kommt gerade den unteren Lohngruppen zugute, zudem wollen wir die Einführung eines 13. Monatslohns. All das zusammengenommen macht eine moderne Tarifpolitik aus.

Warum gelingt Ihnen das in anderen Bereichen, etwa auf dem Bau, nicht?

Auch dort nehmen wir natürlich Mitglieder auf. Allerdings ist der Altersdurchschnitt unserer Mitgliedschaft in dieser Branche deutlich höher. Unser großes Ziel ist es nun, die Zahl unserer Erwerbstätigen stabil zu halten. Wir sind knapp davor, das zu erreichen. Aber auch dazu brauchen wir eine innovative Tarifpolitik. Ein Beispiel: Im Baugewerbe entscheidet der Arbeitgeber, welchen Auftrag er annimmt. Für den Bauarbeiter heißt das, dass er heute vielleicht 60 Kilometer zur Baustelle fahren muss, schon morgen können es aber auch 120 Kilometer sein. Er hat keinen Einfluss auf seinen Arbeitsplatz, und die Fahrtzeit wird ihm nur unzureichend vergütet. Das wollen wir ändern. In Zukunft muss es heißen: Fahrtzeit ist Arbeitszeit.

Die Verbesserungen, die sie über Tarifverträge erreichen, kommen allen Arbeitern zugute. Genau darüber regten sich in Gesprächen am Rande des Gewerkschaftstags Delegierte auf. Die IG BAU erkämpfe Regelungen, die Nichtmitgliedern nützen. Diesen Punkt haben Sie in Ihrer Grundsatzrede aufgenommen: Sie wollen in Tarifverträgen Leistungen verankern, die nur Gewerkschafter erhalten.

Wir sind eine Mitgliederorganisation, keine gemeinnützige oder karitative Einrichtung. Die Tarifverträge verhandeln wir insbesondere für unsere Mitglieder, das ist legitim und auch richtig so. Dabei ist jeder willkommen, der IG BAU beizutreten. Wir wollen in Zukunft sogenannte Differenzierungsklauseln in Tarifverträgen erreichen, das heißt: bessere Leistungen nur für Mitglieder.

Wie könnte das aussehen?

In einzelnen Betrieben haben wir schon jetzt Haustarifverträge, in denen solche Leistungen enthalten sind. Ein Beispiel dafür ist, dass Mitgliedern der Gewerkschaftsbeitrag vom Unternehmen erstattet wird. Oder es gibt besondere Regelungen zur betrieblichen Altersvorsorge. So etwas findet sich beispielsweise in der Gebäudereinigung. Bei so einer Regelung sehen unsere Leute dann: »Meine Gewerkschaft macht eine tolle Tarifpolitik für ihre Mitglieder, und es lohnt sich, dabei zu sein.«

Und Kollegen, die noch keine Gewerkschafter sind, werden es?

So ist es.

Ist es nicht auch so: Da, wo es zu größeren Arbeitskämpfen kommt, treten auch mehr Beschäftigte Ihrer Gewerkschaft bei? Die aber forciert die IG BAU selten, die Mitgliederentwicklung wäre dann auch die Folge ausbleibender Kämpfe.

Wir haben schon viele Warnstreiks und Arbeitskämpfe geführt. Es ist auch wichtig, dass die Arbeitgeber wissen, dass wir dazu in der Lage sind. Aber die beste Situation ist es, wenn die Unternehmerverbände wissen, dass es kracht, wenn es kein Ergebnis am Verhandlungstisch gibt. Unsere Tarifabschlüsse sprechen auch dafür, dass wir das klarmachen konnten.

Mit einem der Anträge an den Gewerkschaftstag sollte »die IG BAU positiv auf Streik« ausgerichtet werden. Offenbar gibt es das Bedürfnis, über einen kämpferischen Kurs zu diskutieren.

Solche Anträge gibt es auf jedem Gewerkschaftstag. Man sollte sie aber nicht als Kritik verstehen, dass wir zuwenig streiken würden. Denn das tun wir, wo es notwendig ist.

Robert Feiger ist Bundesvorsitzender der Industriegewerkschaft Bauen, Agrar, Umwelt (IG BAU)


Debatte

Bewerte diesen Artikel:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Mehr aus: Inland