Aus: Ausgabe vom 17.10.2017, Seite 10 / Feuilleton

Flüchtlings Füllhorn

Zwei Altmeister erklären mit Humor die Weltlage: Ein Buch von Lutz Jahoda und Reiner Schwalme

Von Frank Burkhard
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»Wann war es jemals durchgehend lustig in Deutschland?« (aus dem Buch)

»Sie lügen wie gedruckt«, beginnt ein erfolgreicher Slogan der jungen Welt. Wer beim Lügen nicht erwischt werden will, verbirgt die Wahrheit auf subtilere Weise, wie die »Tagesschau«, auf die der folgende Vers gemünzt ist: »Weglassen, weglassen, welch ein Vergnügen! / Weglassen, weglassen, welch ein Genuss! Einfach vergessen, ist leichter als lügen. / Totschweigen schwächt den Verdruss.« Diese und andere Gebrauchslyrik findet sich im erstaunlich klarsichtigen Band »Lustig ist anders« von Lutz Jahoda. Heitere Verse hat der schon immer geschrieben (man erinnere sich an die komischen Reimereien und Liedtexte in seinen Shows der 70er und 80er Jahre in der DDR). Jetzt kommen die Lebensweisheit und auch die deutliche, manchmal gallige Ironie eines politisch denkenden Menschen dazu, vor allem in den historischen Essays des Bandes.

»Wann war es jemals durchgehend lustig in Deutschland?« fragt der selbsterklärte Wiederholungstäter des Fachbereichs Heitere Muse. Besonders am Herzen liegen ihm die Jahre der »Kriminellen Energie« nach 1990. Jahoda erinnert an Oskar Lafontaine, der eine schrittweise Angleichung beider deutscher Staaten empfahl, doch seine SPD machte nicht mit, wie Jahoda mit grimmig-ironischem Unterton vermerkt. Er geht an die Wurzeln im vorigen Jahrhundert und verfolgt die Entwicklungen bis in eine Gegenwart, in der nicht mehr nur deutsche Waffenexporte Unheil anrichten. Der Autor polemisiert gegen die Treuhand, kritisiert Gorbatschow für die leichtfertige Aufkündigung des »Warschauer Pakts« und bleibt natürlich nicht bei deutscher Befindlichkeit stehen. Im Zeitalter der Globalisierung bekommt George W. Bush ebenso sein Fett weg wie Bill Clinton. Trump ist ein dankbares Thema, und auch am »Schulz-Wunder« geht Jahoda nicht vorbei. Immer betrachtet er die jeweilige Lage in historischen Zusammenhängen, greift dabei auf Quellen wie junge Welt oder Ulrich Gellermanns Weblog Rationalgalerie zurück.

Jahodas Parade der Bundespräsidenten beginnt etwas oberflächlich (»Papa« Heuß war immerhin auch Autor bei der Goebbelsschen Wochenzeitung Das Reich), steigert sich aber in den Bemerkungen zu Köhler und Wulff, dessen Rücktritt Jahoda als »Intrigantenkomödie« wertet. Gauck sieht er als einen »Soffjet-Hasser ganz im Stile Adenauers« und »Steigbügelhalter im Dienst kriegerischer Expansionspolitik«. Bei aller Ernsthaftigkeit blitzt auch in solchen Fällen immer wieder Ironie auf, unterstützt von Karikaturen und Vignetten, die in großer Zahl von Reiner Schwalme (geb. 1937) beigesteuert wurden. Der langjährige Eulenspiegel-Zeichner wurde im Sommer 80 und hat nichts von seinem analytischen Witz verloren. Er griff auch auf noch immer aktuellen Zeichnungen von einst zurück, etwa auf den DDR-Surfer, der 1990 unter seiner glücklich tragenden Welle den lauernden Hai nicht sieht.

Wer erinnert sich noch daran, dass Angela Merkel 2015 als »Mutter aller Gläubigen« gefeiert wurde? Schwalmes Zeichnung zeigt einen hungernden, durstenden Flüchtling, der davon träumt, dass die Bundeskanzlerin anschwebt, um ein Füllhorn über ihm auszuleeren. Ein Achtzig- und ein Neunzigjähriger erklären kompetent und mit Witz die Weltlage – so kann man diesen Band zusammenfassen.

Lutz Jahoda/Reiner Schwalme: Lustig ist anders. Books on Demand, Norderstedt 2017, 448 S., zahlr. farb. Abb., Kindl Edition 9,99 Euro, Softcoverbuch 26,99 Euro


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