Aus: Ausgabe vom 16.10.2017, Seite 5 / Inland

Rückblick auf die DDR-Ökonomie

Ehemalige Kombinatsdirektoren berichteten über den Industrieanlagenbau

Von Uwe Trostel
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Jede dritte der insgesamt 9.000 Beschäftigten im Berliner Stammbetrieb des Kombinates Automatisierungsanlagenbau ist eine Frau

Er hat fast schon Tradition im Berliner Café Sibylle: der fachmännische Blick zurück auf die Geschichte der DDR-Wirtschaft. Am vergangenen Mittwoch waren rund 50 Gäste dem Ruf der Veranstaltungsreihe »Jetzt reden wir weiter!« in die Karl-Marx-Allee gefolgt, darunter einstige Industrietechniker, Generaldirektoren, Staatssekretäre und stellvertretende Minister. Allen war eines gemeinsam: Stolz auf das seinerzeit unter schwierigsten Bedingungen Erreichte, aber auch der kritische Blick auf ungelöste Probleme. Diesmal standen die Erfolge und Probleme des Industrieanlagenbaus der DDR auf dem Programm.

Aus seinem Erfahrungsschatz berichtete Eckhard Netzmann, einst Generaldirektor des Schwermaschinenbaukombinats »Ernst Thälmann« in Magdeburg (SKET), stellvertretender Generaldirektor VEB Kombinat Kraftwerksanlagenbau Berlin, stellvertretender Minister für Schwermaschinen- und Anlagenbau sowie nach dem Anschluss der DDR an die BRD Vorstandsvorsitzender der Kraftwerks- und Anlagenbau AG Berlin. Bild- und kenntnisreich vermochte er die Organisation des Aufbaus großer DDR-Industrieanlagen im In- und Ausland zu beschreiben, mit allen Stärken, aber auch Problemen dieses bedeutsamen volkswirtschaftlichen Bereiches.

Netzmann betonte, mit welcher Akribie die Vorbereitung solcher Investitionsvorhaben betrieben wurde. Ob in der Metallurgie, der Energiewirtschaft, der chemischen Industrie oder in anderen Zweigen, umgesetzt wurden solche Projekte grundsätzlich durch einen fachlich auf höchstem Niveau agierenden Generalauftragnehmer. Netzmann und andere im Saal konnten sich ein Lächeln nicht verkneifen, wenn der Bezug zu einigen heutigen Großbauvorhaben hergestellt wurde.

In einem überzeugenden Erfahrungsbericht legte der Referent dar, dass die industrielle Entwicklung der DDR ganz entscheidend von der Leistungsfähigkeit des Anlagenbaus abhing. Die Energiewirtschaft in all ihren Facetten wurde laut Netzmann von diesem Wirtschaftsbereich gestaltet. Ohne ihn wäre die Metallurgie der DDR, von Eisenhüttenstadt über Freital bis Brandenburg, undenkbar gewesen. 350 Kaltwalzwerke für das In- und Ausland sind beredtes Zeichen des Leistungsvermögens. Zudem war der DDR-Industrieanlagenbau auch ein wichtiger Träger des Exports – vorwiegend für die Ausfuhren in die Sowjetunion, auf deren früherem Gebiet noch heute viele dieser Produktionsstätten in Betrieb sind.

In Syrien unterstützten DDR-Ingenieure die flächendeckende Elektrifizierung. Und die Lieferung kompletter Zementwerke ermöglichte es dem Land, den wirtschaftlichen Aufbau auf den verschiedensten Gebieten erfolgreich voranzubringen. Netzmann betonte, dass sich Schiiten, Sunniten, Alawiten und Christen gemeinsam und ohne jegliche religiöse Konflikte dabei beteiligten und sich für das Betreiben der neuen Werke qualifizierten. Allein im Zementanlagenbau waren dazu 300 Mitarbeiter aus der DDR in Syrien und anderen arabischen Ländern vor Ort. Die Politik des Westens nach 1990, so Netzmann, habe dazu geführt, dass das in Syrien mit vereinten Kräften Geschaffene teilweise zerbombt und zerstört wurde. Die Auswirkungen dieser Politik seien nun in Form des Flüchtlingselends allgegenwärtig.

»Wir haben die Menschen vor Ort damals nicht nur ausgebildet, sondern Arbeitsplätze geschaffen, die ihnen halfen, ihre Familien zu ernähren – und die sie stolz machten, in ihrem Land zu leben.« So gesehen war Netzmanns Bericht nicht nur eine Rückschau auf Vergangenes, sondern auch eine Mahnung. Er war Höhepunkt, aber zugleich auch der vorläufige Abschluss dieser von »Rohnstock Biografien« organisierten Veranstaltungsreihe.

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