Aus: Ausgabe vom 16.10.2017, Seite 4 / Inland

Versöhnung mit tödlichem Ausgang

Mord an Berliner Kurdin Yeter P.: Alarmsignale waren aktenkundig

Von Claudia Wangerin
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Für mindestens zwei Wochen hatte sich die Berliner Kurdin Yeter P. schon räumlich von ihrem Ehemann getrennt und war bei ihrem Bruder untergekommen. Unter dem Druck der Traditionen soll sie sich zur Rückkehr entschieden haben. Im Dezember 2016 wurde die eheliche Wohnung für sie zur tödlichen Falle. Mitarbeiterinnen des kurdischen Elternvereins Yekmal e. V. gaben vergangene Woche in dem seit August laufenden Mordprozess gegen Mehmet P. Einblicke in die Vorgeschichte des Verbrechens, dem Yeter P. zum Opfer fiel. Der Angeklagte, dem vorgeworfen wird, seine Frau mit heißem Wasser verbrüht und 17mal auf sie eingestochen zu haben, saß am Freitag zusammengekauert hinter Glas, während die Familienhelferinnen im Zeugenstand befragt wurden. Sie hatten seit 2015 mit der Familie in Kontakt gestanden, weil sich eine Schulsozialarbeiterin mit einer Gewaltschutzanzeige an das Jugendamt gewendet hatte: Einer der Söhne hatte berichtet, Mehmet P. schlage seine Frau und seine Kinder, er wolle, dass sie »weinen und bluten«. Nach Aktenlage war dies nicht das einzige Alarmsignal.

Die Sozialpädagogin Günay D. von Yekmal e. V. sagte am Freitag vor dem Berliner Landgericht, der strenge Vater habe sich unter dem Druck des Jugendamtes um kurdischsprachige Familienhelferinnen bemüht. Anfangs habe er aber kein Problembewusstsein gezeigt, was Schläge als Erziehungsmethode angehe. Ziel der Familienhilfe sei eine gewaltfreie Erziehung gewesen. Zweimal wöchentlich seien Gespräche geführt worden. Yeter P. habe aber meist wenig gesagt, wenn ihr Mann dabeigewesen sei, erinnerte sich Günay D.

Einem weiteren Sohn war vom Jugendamt offenbar nicht hundertprozentig geglaubt worden, als er von Schlägen des Vaters berichtet hatte. Von der Schule war der Junge an jenem Tag mit Bauchschmerzen in einem Rettungswagen abgeholt worden. Vor Mitarbeitern des Jugendamtes soll Mehmet P. zumindest zugegeben haben, dass er einen Klaps auf den Hinterkopf für normal halte. Verbal zeigte er sich aber laut Günay D. später einsichtig.

Auch wenn sie in erster Linie für das Kindeswohl zuständig waren, hatten die Familienhelferinnen die Beziehung der Eltern im Blick. Günay D. bot Hilfe an, als Yeter P. sich trennen wollte. In Abwesenheit ihres Mannes sei die fünffache Mutter gesprächiger gewesen. Als sie zu ihrem Bruder geflüchtet war, habe Yeter P. im Hinblick auf ihren Mann deutlich gemacht: »Sie mag ihn nicht, sie hasst ihn, sie will nicht mit ihm zusammenleben«. Auf Nachfrage von Günay D. soll sie aber erklärt haben, es sei schon zwei Jahre her, dass Mehmet P. sie zuletzt geschlagen habe. Günay D. berichtete, sie selbst habe dennoch vorgeschlagen, einen Platz im Frauenhaus und später eine Wohnung für Yeter P. und ihre Kinder zu suchen. Das habe sie aber letztendlich abgelehnt. Mehmet P. habe mehrfach angerufen und sie beschworen, ihn und ihre Kinder nicht allein zu lassen.

Yeter P. habe sich außerdem gesorgt, konservative Landsleute könnten schlecht über sie reden. »Das muss verurteilt werden«, sagte Günay D. über das Denken dieses Teils der kurdischen Community. Sie selbst sei 1996 als politische Aktivistin aus der Türkei geflüchtet und sehe es als großes Problem, dass immer noch viele Frauen ihre Männer um Erlaubnis fragen müssten, wenn sie sich zum Beispiel mit Freundinnen treffen wollten. Für die neue kurdische Gesellschaft steht auch der Frauenrat Dest Dan e. V., der insbesondere Mitarbeiterinnen von Beratungsstellen und Feministinnen zur Prozessbeobachtung aufgerufen hatte.

Laut Günay D. gab es nach der Rückkehr des späteren Mordopfers eine Phase von »Kompromiss« und »Versöhnung« in der Familie. Um die Sommerferien 2016 herum sei die Stimmung entspannt gewesen.

Laut Anklage wollte Yeter P. am 5. Dezember gegen den Willen ihres Mannes ihren kranken Neffen besuchen. Mehmet P. habe sie als sein Eigentum betrachtet und deshalb getötet. Daran wollte er sich später nicht erinnern, als er in Untersuchungshaft mit einem Neurologen sprach: Er wisse nur noch, dass er nach dem »Blackout« ein Messer in der Hand hielt und seine Frau blutend auf dem Küchenboden lag. Der Prozess gegen ihn wird am Dienstag fortgesetzt.

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