Aus: Ausgabe vom 05.10.2017, Seite 8 / Inland

»Große Diskrepanzen zwischen den Ländern«

Honorarlehrkräfte fordern Verbesserungen der Arbeitsbedingungen von Dozenten. Gespräch mit André Pollmann

Interview: Claudia Wrobel
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»Ich kenne an den Volkshochschulen bundesweit nicht einen Dozenten mit einem festen Vertrag. Die überwiegenden Kursstunden werden von Selbständigen durchgeführt, die so viele Kurse geben, dass sie als »arbeitnehmerähnlich« gelten.« – André Pollmann, Verdi

Die Berliner Honorarlehrkräfte protestieren am heutigen Donnerstag anlässlich des Weltlehrertags vor dem Brandenburger Tor und fordern die Umsetzung der UNESCO-Standards für Dozenten. Bei solch einer Forderung denke ich eher an ein Land der sogenannten dritten Welt als an die BRD. Wie weit klaffen hierzulande Anspruch und Realität auseinander?

Mit den UNESCO-Standards soll verdeutlicht werden, dass Bildung eine bestimmte gesellschaftliche Funktion hat. Lehrkräfte müssen besonders geschützt werden, um diesem Bildungsauftrag nachzukommen. Natürlich gibt es in anderen Ländern noch schlimmere Verwerfungen, aber interessanterweise eben auch in der Bundesrepublik.

Können Sie das mit einem Beispiel verdeutlichen bitte?

Die Honorarlehrkräfte an den Berliner Volkshochschulen hatten früher sicher nicht den Eindruck, prekarisiert zu werden. Ihre Verträge waren an diejenigen im öffentlichen Dienst angelehnt, bis es 1992 gekappt wurde. Erst 2009 haben wir es geschafft, diese Ankopplung an den Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes wieder hinzubekommen. Aber durch die 17 Jahre dazwischen klafft eine Riesenlücke.

Insofern klingt eine Forderung von 60 Euro pro Unterrichtseinheit, das sind 1,5 Zeitstunden, für einen VHS-Dozenten erst mal nach viel Geld. Wenn man das aber vergleicht, mit dem was angestellte Lehrkräfte im Schuldienst bekommen, ist das zu rechtfertigen. Bei den Musiklehrkräften gibt es insgesamt eine große Diskrepanzen zwischen den Ländern, Bremen und Berlin bilden gemeinsam das Schlusslicht. Daran erkennt man auch den unterschiedlichen Stand, den Bildung in den Ländern hat.

Wer sticht dort positiv heraus?

Interessanterweise läuft es in Bayern sehr gut. Die haben an Musikschulen eine Festanstellungsquote von 96 Prozent, bundesweit sind es um die 85 Prozent, Berlin lag im letzten Jahr ganz weit hinten mit sieben Prozent. Im Koalitionsvertrag von SPD, Linken und Grünen wurde festgeschrieben, dass bis 2021 jede fünfte Lehrkraft angestellt sein soll. Nur bei den Berliner Volkshochschulen ist bei gleicher Zielstellung im Koalitionsvertrag noch nichts passiert.

Ich kenne an den Volkshochschulen bundesweit nicht einen Dozenten mit einem festen Vertrag. Die überwiegenden Kursstunden werden von Selbständigen durchgeführt, die so viele Kurse geben, dass sie als »arbeitnehmerähnlich« gelten. Sie haben dadurch immerhin einen Anspruch auf die gesetzlich festgelegten Urlaubstage. Ob sie diese aber auch nehmen, sei dahingestellt, denn viele machen die Erfahrung, dass Kollegen, die ihren Anspruch geltend gemacht haben, keinen Folgevertrag bekamen. In der Hauptstadt wird er gemäß des Berliner Modells umgerechnet und ausgezahlt.

Sie haben die Festanstellungsquote angesprochen. In Ihren Forderungen lese ich aber fast nur Punkte, um die Situation der Selbständigen zu verbessern. Wäre nicht eine Forderung nach mehr Festanstellungen zielführender?

Sie können unterscheiden zwischen strategischen und taktischen Zielen. Unsere oberste Prämisse ist die Forderung »Festanstellung sofort, gemäß Qualifikation und Tätigkeit«. Solange dies nicht zu 100 Prozent erfüllt ist, müssen die, die noch freiberuflich sind, so gestellt werden, dass sie keine Nachteile haben.

Was gehört außer der gleichen Bezahlung dazu?

Zum Beispiel muss die Honorarfortzahlung im Krankheitsfall gewährleistet sein. Ansätze dazu gibt es zwar in Berlin bereits bei den Volkshochschulen und Musikschulen, sie greift aber erst am dritten Tag der Erkrankung, und selbst dann werden nicht 100 Prozent des Honorars kompensiert. Man muss sich klarmachen, dass wir es mit stark individualisierten Vertragsverhältnissen zu tun haben. In Berlin gibt es selbständige, informelle Vertretungsgremien, die im Schatten des Gesetzes arbeiten und als Sprecher der Gruppe im Senat anerkannt werden. Es braucht aber, ähnlich wie in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen, den Anspruch, dass arbeitnehmerähnliche Selbständige vom Personalvertretungsgesetz erfasst werden, sich selber vertreten und auch gewählt werden können.

André Pollmann ist Leiter des Verdi-Fachbereichs Bildung, Wissenschaft, Forschung im Landesverband Berlin-Brandenburg


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