Aus: Ausgabe vom 27.09.2017, Seite 16 / Sport

»Muñeco!«

Von André Dahlmeyer
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Definierte »torgierig«: Ignacio Scocco von River Plate traf in der Copa gegen Jorge Wilstermann gleich fünfmal

Während die europäischen Pokalwettbewerbe gerade erst beginnen, gehen die südamerikanischen in die Endphase. Bislang wurde das Mammutprogramm der Copa Libertadores, dem wichtigsten Wettbewerb für Vereinsmannschaften Lateinamerikas, von Februar bis Ende Mai absolviert. Im zweiten Semester folgte dann die kleine Schwester, die Copa Sudamericana. Das ist seit diesem Jahr anders. Beide Wettbewerbe finden nun gleichzeitig statt, aus klimatischen Gründen von Anfang bis Ende des Jahres, also von Ende des südamerikanischen Sommers bis Ende des Frühjahrs.

In der 58. Edition der Copa Libertadores wurden bereits die Viertelfinals gekickt. River Plate aus Buenos Aires hatte in der Höhe von Cochabamba beim Club Deportivo Jorge Wilstermann mit 0:3 eine gehörige Abfuhr erhalten, woraufhin Rivers Trainer Marcelo Gallardo das Rückspiel im Stadion Monumental kurzerhand zum wichtigsten seiner Trainerlaufbahn erklärte. Die Situation erinnerte ein bisschen an die vergangene Copa, in der River als Titelverteidiger im Achtelfinale bei Independiente del Valle in Ecuador mit 0:2 verloren hatte, sich im Rückspiel Chancen am Fließband herausspielte, am Ende aber mit einem zu dünnen 1:0 Erfolg frühzeitig ausschied. Als das No-Name-Team aus Ecuador im Halbfinale dann auch noch die Boca Juniors in deren »Bombonera« (Pralinenschachtel) aus dem Wettbewerb warf, verstand der gemeine Fußballgourmet in Argentinien die Welt nicht mehr.

In der Copa Libertadores 2007 befanden sich ebendiese Boca Juniors in einer ähnlichen Situation wie heuer River. Am letzten Spieltag der Gruppenphase mussten die »Xeneizes« gegen das Fußballschwergewicht Bolívar aus La Paz mit mindestens drei Toren Unterschied gewinnen, um noch die K.-o.-Runde erreichen zu können. Boca gewann das Match mit 7:0 und am Ende zum bis heute letzten Mal die Libertadores in den Finals gegen Grêmio Porto Alegre (insgesamt: 5:0).

Auch der Auftritt River Plates gegen Wilstermann war spektakulär. Schon nach 20 Minuten führte der »Millonario« nach drei Treffern von Ignacio Scocco mit 3:0, ein Tor schöner als das andere. Zur Pause stand es 4:0, am Ende hieß es 8:0, Scocco erzielte fünf Tore, und das Monumental frohlockte »Muñeeeeco! Muñeeeeco! Muñeeeeco!« Ein immer wiederkehrendes Ritual, seitdem der Klub aus Núñez – gerade erst aus der B Nacional, der zweiten Liga, zurück – unter der Ägide von Trainer Gallardo innerhalb von zwei Jahren fünf internationale Titel einheimsen konnte. Sein Spitzname lautet »Muñeco« (Puppe). Manche nennen ihn auch Napoleon. Als Trainer hat er bei River den Legendenstatus erreicht, der ihm als Spieler verwehrt blieb.

Papstklub San Lorenzo de Almagro hatte den Hinkampf gegen Lanús im eigenen »Nuevo Gasómetro« mit 2:0 gewonnen, und nur sehr wenige gaben noch etwas auf das Team aus dem Süden von Buenos Aires, das vergangene Saison sehr diskret gespielt hatte und auch wenig überzeugend in die laufende gestartet war. Doch am Ende stand es 2:0 für Lanús, das auch das Elfmeterschießen für sich entschied, zum ersten Mal in seiner Geschichte in einem Halbfinale der Libertadores steht und sich dort Ende Oktober mit River Plate misst. Nach dem Spiel stellte San Lorenzos Trainer Diego Aguirre seinen Posten zur Verfügung. Das andere Halbfinale bestreiten der Barcelona Sporting Club aus Guayaquil (besiegte den FC Santos in São Paulo!) und Grêmio Porto Alegre, aktuell Dritter des »Brasileirão«, das durch ein Tor des Ex-Dortmunders Lucas Barrios die Cariocas von Botafogo besiegte. River und Barcelona müssen die Rückspiele auswärts antreten. Ein Teilnehmer der beiden Finals, die Ende November stattfinden, kommt also aus Argentinien.


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