Aus: Ausgabe vom 23.09.2017, Seite 1 / Titel

Wut kocht über

Tausende Stahlarbeiter demonstrieren in Bochum gegen drohenden Arbeitsplatzverlust durch Fusion von Thyssen-Krupp und Tata Steel

Von Markus Bernhardt
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Das Feuer brennt: Gewerkschafter der IG Metall protestierten am Freitag mit Bengalos in Bochum

Die Stahlarbeiter im Ruhrgebiet sind sauer. Mehr als 7.000 von ihnen sind am Freitag in Bochum aus Angst um ihre Arbeitsplätze auf die Straße gegangen. Damit wollten sie gegen die geplante Fusion der Stahlsparte von Thyssen-Krupp mit dem in London ansässigen Konkurrenten Tata Steel Europe protestieren. Über 4.000 Arbeitsplätze sind aufgrund der Fusionspläne in Gefahr. Betroffen davon wären beide Unternehmen zu gleichen Teilen. Die Zukunftsängste der Stahlarbeiter sind groß. Das Ruhrgebiet ist bereits in weiten Teilen deindustrialisiert, mittlerweile gilt es als eine der Hauptarmutsregionen in der Bundesrepublik. Die Demonstranten forderten auf Transparenten: »Kein ThyTata« oder »Kein Dieb-Stahl«.

Günter Back, Betriebsratschef von Thyssen-Krupp, rief seinen Kollegen auf der Kundgebung zu: »Nichts ist gut an dem Deal. Und deshalb müssen wir ihn ablehnen.« Die IG Metall, die zu den Protesten aufgerufen hatte, hatte auch Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) und den nordrhein-westfälischen Arbeitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) eingeladen, dort zu sprechen. Die Rede Laumanns wurde jedoch von vielen Anwesenden mit Buhrufen und Pfiffen begleitet, da sich die Landesregierung unter Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) nicht gegen die Fusionspläne gestellt hatte. »Wir haben mit der möglichen Fusion mit Tata die Chance, mit einem starken Partner in Europa zusammengehen zu können«, hatte Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) noch am Mittwoch im Düsseldorfer Landtag betont. Laumann hingegen wagte am Freitag die Flucht nach vorn und bezeichnete es als »Sauerei«, wenn die »Kapitalseite« die Gewerkschaft nicht ehrlich und transparent informiere. Detlef Wetzel, ehemals Erster Vorsitzender der IG Metall und heute stellvertretender Aufsichtsratschef von Thyssen-Krupp Steel, forderte: »Wir wollen Garantien für alle Beschäftigten und Standorte.«

Unterstützung erhielten die Stahlarbeiter auch vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). »Der Fusionsbeschluss zeigt, dass der Vorstand nicht beabsichtigt, Alternativen zu prüfen und Rücksicht auf die Interessen der Arbeitnehmer zu nehmen. Das ist kein gutes Zeichen«, kritisierte DGB-Chef Reiner Hoffmann in einer am Freitag veröffentlichten Erklärung. Auch er forderte Thyssen-Krupp auf, »die Standorte in Deutschland zu erhalten und betriebsbedingte Kündigungen grundsätzlich auszuschließen«.

Christian Leye, Landessprecher der Linkspartei in NRW, erklärte gegenüber jW: »Kaum wird der Arbeitsplatzabbau öffentlich, steigt der Kurs der Thyssen-Krupp-Aktie an den Börsen rasant an. Wann, wenn nicht jetzt, ist also der richtige Zeitpunkt, endlich die Eigentumsfrage zu stellen?« fragte er und warb für die Gründung einer Industriestiftung, die mit Landes- und Bundesmitteln ausgestattet werden solle. Damit könne »die Unternehmensentwicklung in die Hand der Belegschaft, der Gewerkschaft und der Öffentlichkeit gelegt werden«.

Auch Marion Köster, Vorsitzende der DKP Ruhr-Westfalen, sprach sich in einer Erklärung für die Anwendung des Artikels 27 (1) der Landesverfassung aus und forderte damit ebenfalls, die Stahlproduktion in Gemeineigentum zu überführen. »Die alte Forderung nach Vergesellschaftung der Stahlindustrie muss in den Gewerkschaften endlich wieder auf die Tagesordnung gesetzt werden«, betonte die Kommunistin.


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