Aus: Ausgabe vom 15.09.2017, Seite 2 / Inland

»Einsatz von Reserveantibiotika ist fahrlässig«

Artgerechte Nutztierhaltung würde den Verbraucher nur wenig mehr kosten – wenn Bedingungen insgesamt verändert werden. Gespräch mit Christian Rehmer

Interview: Claudia Wrobel
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Jedes sechste Huhn und jede dritte Pute wird mit Antibiotika behandelt

Was sind Reserveantibiotika und wie werden sie in der Nutztierhaltung eingesetzt?

Medikamente, die im Stall eingesetzt werden, aber für die menschliche Gesundheit reserviert sein sollten. Sie helfen gegen Bakterienerkrankungen, von denen es einige beim Menschen gibt, gegen die viele andere Antibiotika nicht mehr wirken. Das Problem ist jetzt, dass in der Tierhaltung zwar weniger Antibiotika eingesetzt werden, aber man auf diese Reservemedikamente ausgewichen ist. Seit 2011 gibt es dazu eine bundesweite Statistik. In den Zahlen, die am Mittwoch veröffentlicht wurden, sieht man, dass die Gesamtmenge an Antibiotika zwar seit 2011 etwa um die Hälfte gesunken ist, aber beispielsweise im Bereich der Fluorchinolone wurden im selben Zeitraum 13 Prozent mehr eingesetzt.

Warum wird bei der Tiermast darauf zurückgegriffen?

Auf diese Frage gibt es keine einfache Antwort. Die Applikation von Medikamenten, von Reserveantibiotika im speziellen, ist sehr diffus: Es kommt unter anderem auf die Haltungsform an, oder wie oft es eingesetzt wird. Man kann aber sagen, dass es verschiedene Möglichkeiten gibt, die Statistik zu umgehen: Erfasst wird die Menge der Antibiotika in Tonnagen. Wenn man also Medikamente einsetzt, die ein geringeres Gewicht haben oder weniger oft gegeben werden müssen, kann man damit an dieser Stelle sparen und in der Statistik besser aussehen. Wir sind aber generell gegen den Einsatz von Reserveantibiotika, egal in welcher Menge. Stellen Sie sich vor, Sie haben ein besonderes Notfallmedikament, quasi die letzte Waffe, um im Humanbereich Probleme zu lösen, und das verpulvern Sie, um Hähnchen mästen zu können. Das ist Verschwendung. Der Einsatz von Reserveantibiotika ist fahrlässig.

Sie sprechen auch davon, dass Tiere, die gut gehalten werden, generell keine Antibiotika brauchen. Warum werden sie trotzdem in dem Maße eingesetzt?

Natürlich müssen erkrankte Tiere behandelt werden. Das gebietet schon das Tierschutzgesetz. Daher sind auch Tieren in ökologischer Haltung manchmal Antibiotika zu geben. Was wir aber brauchen, sind Verbesserungen, die zu gesünderen Tieren führen. Die gesamte Haltung ist umzubauen. Tiere müssen anders betreut, anders gefüttert werden. Aber eines ist klar: Tierhaltung, die mehr auf das Tierwohl achtet, die mehr auf Umwelt und Klimaschutz achtet, kostet Geld.

Von welcher Summe reden wir da?

Ein Beirat der Bundesregierung hat im Jahr 2015 ein Gutachten vorgelegt, in dem die Kosten für die Gesellschaft auf etwa ungefähr drei bis fünf Milliarden Euro im Jahr beziffert wurden. Das können weder die Bauern alleine bezahlen noch die Verbraucher. Das muss aus verschiedenen Finanztöpfen angegangen werden: Subventionen, Verbraucherpreise, aber auch die Verteilung der Erlöse in der Wertschöpfungskette, sprich wieviel bei den Händlern verbleibt. Dieser Beirat hat gesagt, dass die Verbraucherpreise nach einem Umbau der Tierhaltung zu mehr Tiergerechtigkeit um etwa drei bis sechs Prozent steigen.

Ist das eine realistische Einschätzung?

Die Kalkulation gilt, wenn die Finanztöpfe neu austariert werden. Sie dürfen das nicht mit den jetzigen Bedingungen vergleichen, unter denen Biofleisch ungefähr doppelt so teuer ist. Hinzu kommt, dass eine Tierhaltung, wie wir sie uns vorstellen nur mit reduzierten Mengen funktioniert. Wir können nicht so viel Fleisch konsumieren, wie wir es momentan tun, und natürlich auch nicht so viel exportieren.

Laut Umfrage ist eine Mehrheit der Deutschen für eine transparentere Kennzeichnungspflicht tierischer Produkte. Hilft das beim Umbau der Tierhaltung?

Momentan haben Sie als Verbraucherin wenig bis keine Möglichkeit, auf einem Produkt zu erkennen, wie die Tiere gehalten wurden. Sie können im Prinzip nur unterscheiden zwischen ökologischer Tierhaltung, erkennbar am Biosiegel, und dem Rest. Dabei wird nicht berücksichtigt, dass es bei der konventionellen Tierhaltung sehr unterschiedliche Formen gibt. Die Bandbreite reicht von großen Mastanlagen, in denen Tiere auf wenig Fläche sehr schlecht gehalten werden, bis hin zu bäuerlichen Betrieben, in denen die Bedingungen denen in der Ökolandwirtschaft durchaus ähneln können. Wir fordern eine Kennzeichnung ähnlich derer für Eier: 0 steht für Bioeier, 3 für den gesetzlichen Mindeststandard, in dem Fall die Käfighaltung, 1 und 2 sind Zwischenstufen – um bei den Eiern zu bleiben –, Freiland- und Bodenhaltung. Bei den Eiern sehen wir, dass die Kunden die Eier mit der 3 im Laden liegen gelassen haben.

Christian Rehmer ist Leiter des Bereichs Agrarpolitik beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND)

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