Aus: Ausgabe vom 14.09.2017, Seite 11 / Feuilleton

Räumlichkeit in der Musik

Monteverdi, Rihm und Sibelius – erste Eindrücke vom Musikfest Berlin

Von Dietrich Bretz
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Erforschung er Räumlichkeit von Musik: Anfang des Monats spielte auf dem Musikfest beispielsweise Ilya Gringolts eine Kombination der Capricen von Niccolò Paganini und Salvatore Sciarrino

Der 450. Geburtstag des bedeutenden italienischen Komponisten Claudio Monteverdi ist für das diesjährige Musikfest Berlin eine Verpflichtung. Seine drei erhaltenen Opern »Orfeo«, »Die Heimkehr des Odysseus« und »Die Krönung der Poppea« wurden Anfang des Monats in der Philharmonie aufgeführt.

Zur Entstehungszeit der beiden letzten Opern wirkte der Tonschöpfer bereits fast drei Jahrzehnte als Domkapellmeister von San Marco in Venedig. Nur wenige Kirchen haben in der Musikgeschichte so gravierende Spuren hinterlassen wie Venedigs legendärer Dom. Hier ließen schon im 16. Jahrhundert auf gegenüberliegenden Orgel­emporen positionierte Musikergruppen in einander beflügelndem Wechselspiel Vokal- und Instrumentalstücke erklingen. Diese Mehrchörigkeit inspirierte Komponisten bis ins 20. Jahrhundert hinein, so auch Luigi Nono. Als der badische Komponist Wolfgang Rihm 1995 eine Auftragsarbeit für San Marco schrieb, hatte er kein Werk für chorische Gruppen im Sinn, vielmehr ein Stück, das den Raum in der musikalischen Struktur verdeutlichen sollte. »Alle Räumlichkeit sollte in die Musik einbeschrieben sein.«

So entstand die Orchesterkomposition »In-Schrift«. Damit eröffnete das renommierte Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam unter Daniele Gatti, dem Chefdirigenten, am vergangenen Mittwoch seinen Gastabend beim Berliner Musikfest. Man erlebte ein kontemplatives, von dunklem Klanggestus dominiertes, zu einem explosiven Höhepunkt sich steigerndes Werk, das gleichwohl jeden theatralischen Effekt meidet. Auffallend das in der Besetzung solistisch behandelte Instrumentarium, wobei die Bläser, Schlagzeuger sowie die je sieben Celli und Kontrabässe nebst einer Harfe in fünf Halbkreisen auf dem Podium angeordnet waren. Rihm hat die hohen Streicher ausgespart. Bei dem ouvertürenartigen Auftakt vermeinte man, eine an Monteverdi gemahnende, verfremdete Klanglichkeit zu vernehmen – wohl eine Verbeugung vor dem ehemaligen Domkapellmeister von San Marco. Der sich anschließende impulsive Tonfluss, erfüllt von Vehemenz, aber ebenso von Innerlichkeit, gipfelte in einer frappierenden Glocken- und Schlagzeugkadenz. Eine choralartige Passage der tiefen Bläser setzte in der Werkmitte einen eindrucksvollen Kontrast. Von tiefgründigem Ausdruck bestimmt war auch Anton Bruckners abschließend gebotene 9. Sinfonie.

Den Jubilar Wolfgang Rihm, der dieses Jahr 65 geworden ist, hatte auch das Deutsche Symphonieorchester Berlin (DSO) am Freitag in den Mittelpunkt seines Festkonzertes gestellt – und zwar dessen 2. Klavierkonzert von 2014. W. A. Mozarts »Don Giovanni«-Ouvertüre und seine Konzertarie für Sopran, konzertantes Klavier und Orchester KV 505 sowie Felix Mendelssohn Bartholdys »Italienische« Sinfonie bildeten eine dramaturgische Klammer. Denn das Gesangliche, das diesen Werken eingeschrieben ist, prägt auch Rihms Opus. »Ich liebe es, wenn es singt«, bemerkte der Karlsruher Tondichter. Die Aufführung stand schon deshalb unter einem glücklichen Stern, weil – wie bereits bei der Salzburger Uraufführung vor drei Jahren – der hervorragende, von Rihm sehr geschätzte Pianist Tzimon Barto (»Er verfügt über das exquisiteste Pia­nissimo, das sich denken lässt«) und der Dirigent Christoph Eschenbach die treibende Kraft in der DSO-Aufführung waren. Anders als bei Rihms »In-Schrift« wirkte dessen 2. Klavierkonzert in seiner innig-kammermusikalischen Gestalt, zumal über weite Strecken im Kopfsatz, wie ein großer Gesang, der, aus der Stille kommend, seine melodischen Linien sukzessive entwickelt.

Ehrensache, dass auch Berlins Philharmoniker am Samstag einen Bezug knüpften zum italienischen Schwerpunkt des Musikfestes, der durch den gewichtigen Monteverdi-Zyklus gegeben war. Ein beeindruckender, erhellender Abend, da Dirigentin Susanna Mälkki, hochgelobte Leiterin des Philharmonischen Orchesters Helsinki und bereits zum zweiten Mal bei den Berlinern zu Gast, ein Programm gewählt hatte, das einen beziehungsreichen Bogen schlug vom »Tanz-Walzer« für Orchester des Italieners und Wahl-Berliners Ferruccio Busoni über Bela Bartoks 2. Violinkonzert bis hin zu Jean Sibelius’ 2. Sinfonie. Mit dem »Tanz-Walzer«, in dessen Partitur Mälkki lichte wie auch schattenhafte Momente entdeckte und diese mit den Musikern mit melodischer Grazie, aber auch melancholischem Gestus zum Klingen brachte, erinnerte sie zugleich daran, dass Busoni sein Opus am Pult der Berliner Philharmoniker 1921 aus der Taufe gehoben hatte.

Bartoks 2. Violinkonzert, in seiner bewundernswerten Synthese von strenger Konstruktion und ungarischer Folk­lore, wies Mälkki auch als kenntnisreiche Propagandistin der klassischen Moderne aus. Faszinierend, wie intensiv der exzellente Geiger Gil Shaham gemeinsam mit dem Orchester die lyrischen wie auch die dramatischen und virtuosen Passagen eindringlich gestaltete. Zum Höhepunkt des Abends wurde Sibelius’ 2. Sinfonie, die von Mälkki und den Meisterinstrumentalisten in ihrer schwermütigen Schönheit und ihrem hymnischen Charakter hinreißend ausgeleuchtet wurde.

Das Musikfest geht noch bis zum 18. September

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