Aus: Ausgabe vom 13.09.2017, Seite 10 / Feuilleton

Das Lächeln von Tom Cruise

Oder die Modellhaftigkeit der Reagan-Ära: der Kinofilm »Barry Seal«

Von Peer Schmitt
Tom_Cruise_in_Barry_53657679.jpg
Die CIA, das Kokain, die Contras und das alles: Tom Cruise als Barry Seal

Kein anderer als Tom Cruise spielt die Titelrolle in »Barry Seal – Only in America« (im Original lakonischer »American Made«) vom »Bourne Identity«-Regisseur Doug Liman. Und auch diesen Barry Seal hat es tatsächlich gegeben. Er war ein auf den Hund gekommener Pilot, der im Auftrag des kolumbianischen Medellin-Kartells und der CIA in Mittel- und Südamerika als Drogen- und Waffenschmuggler arbeitete und so in den frühen 80ern ein kleines Vermögen anhäufte. Seine Basis, gewissermaßen sein Privatflughafen, befand sich in dem Nest Mena, Arkansas. Seine Umtriebe wurden daher auch als Mena-Affäre bekannt. Ein seinerzeit von der Washington Post (heutzutage ja gewissermaßen das Hausbulletin der CIA) unterdrückter ausführlicher Artikel zum Thema erschien dann unter dem Titel »The Crimes of Mena« im Penthouse Magazine, Ausgabe Juli 1995 (wiederzufinden auf www.kurzlink.de/mena).

Als Seal schließlich aufzufliegen drohte, ließ er sich von der DEA (Drug Enforcement Agency) sozusagen als Polizeispitzel anheuern. Das wurde ihm dann zum Verhängnis. Er wusste längst viel zuviel, dokumentierte sein Treiben auch recht fleißig in zahlreichen Akten und Videotapes und hatte sich irgendwann wirklich zu viele Feinde gemacht. Er wurde 1986 in seiner Heimatstadt Baton Rouge, Louisiana, mutmaßlich von Auftragskillern des Kartells erschossen. Dies geschah unmittelbar vor der berüchtigten Iran-Contra-Affäre, unter den Augen anderer sinistrer Figuren wie Oliver North und Ronald Reagan.

1986 war auch das Jahr, in dem zufällig die Karriere von Tom Cruise erstmals so richtig durchstartete. In jenem Jahr spielte er den jungen Poolbillard-Zocker in Martin Scorseses »The Color of Money« (Die Farbe des Geldes) und natürlich den jungen Kampfpiloten in der Ausbildung in »Top Gun« (Regie: Tony Scott).

Barry Seal ist genau so eine Figur. Sie zeigt, was aus dem jungen »Top Gun«-Piloten nach der glorreichen Militärzeit auch hätte werden können: ein Krimineller im Auftrag anderer weitaus mächtigerer und gemeingefährlicher Krimineller. Einige von eben diesen haben inzwischen längst eine Art popmythologischen Status erlangt, Leute wie Pablo Escobar (Mauricio Mejí) oder Colonel Manuel Noriega (Alberto Ospino). Sie sind in ihrer Paraderolle als allzeit vergnügte Südamerikaner in dem Film mit von der Partie.

Und nicht zuletzt hat das Ganze auch einen sehr ernsthaften politischen Hintergrund, der bis zu den heutigen Tagen sozusagen konzeptuell die Weichen gestellt hat. Er lässt sich bündig zusammenfassen: »In den frühen 1980ern formte Noriega eine Partnerschaft mit dem im kolumbianischen Medellin beheimateten Drogenkartell. Er gewährte diesem den Zugang zu geheimen Landebahnen in Panama, von denen aus gewaltige Mengen Kokain in die USA geflogen wurden. (…) In dieser Zeit machte sich Noriega bei der Reagan-Administration durch seine Unterstützung der Contras in Nicaragua noch beliebter als ohnehin schon.« (Stephen Kinzer, »Overthrow – America’s Century of Re­gime-Ch ange from Hawaii to Iraq«, Times Books 2006).

An dieser Stelle kommt Barry Seal ins Spiel. Im Film wird er als leicht abgehalfterter, ganz normaler Linien­pilot mit Rentenversicherung von einem unauffälligen CIA-Mann mit gepflegtem Vollbart – Monty Schafer (Domhnall Gleeson) – angeheuert. Er habe doch für den Nebenverdienst erfolgreich Zigarren aus Kuba geschmuggelt und könne da ruhig etwas größer einsteigen.

Sein Job ist: Er bringt Waffen und Zubehör nach Kolumbien, schaut zwischendurch mal mit einem Geldkoffer bei Noriega in Panama vorbei, und schmuggelt im Austausch Kokain und für die Ausbildung zu Gue­rillakämpfern bestimmte Contra-Söldner zurück in die USA. Seine Basis in Mena ist Flugplatz, Ausbildungslager und Bargeldtresor zugleich.

Selbstverständlich sind die Contras mehr an Pornoheften, Alkohol und illegalem Aufenthalt interessiert als an der Konterrevolution in Nicaragua. Die CIA hat auch nicht richtig die Peilung (einer der Running Gags des Films ist die ständige Verwechslung von El Salvador und Nicaragua). Das Desaster ist vorprogrammiert. Nur das Drogengeld fließt und fließt. Bary Seal weiß schon bald nicht mehr, wohin damit. Wie so oft ist die CIA-Strategie ein Flop: Man plant eine geheime Terroristenarmee und erhält statt dessen eine veritable Gang gemeingefährlicher Krimineller. Der Unterton ist klar: Vielleicht ist die CIA selbst nichts anderes als eine Gang gemeingefährlicher Krimineller?

Barry Seal ist auch eine der Nebenfiguren in dem Buch »Dark Alliance – The CIA, the Contras and the Crack Cocaine Explosion« des Journalisten Gary Webb, von dessen mysteriöser Ermordung der Film »Kill the Messenger« handelte (jW vom 16.9.2015). »American Made« ist nun wesentlich entspanntere Kost. Imperialismus, Verschwörung, Kriegsverbrechen und furchtbar gute Laune, serviert mit dem berüchtigt schiefen Grinsen von Tom Cruise, der sich wie wir vielleicht daran erinnert, dass 1986 für ihn – so ganz anders als für den historischen Barry Seal – ein verdammt gutes Jahr war.

Die Produktionsgeschichte des Films hingegen ist heikel und konfus. Hinterbliebene von Seal klagten wegen inhaltlicher Fehler und allgemeiner Rechteverwirrung. Zudem kamen Mitglieder des Produktionsteams bei einem Flugzeugabsturz in den kolumbianischen Anden ums Leben (vgl. The Guardian vom 16.10.2015). Das ist dann nicht mehr ganz so lustig.

Aber man muss ihn als Abhandlung über die Modellhaftigkeit der Reagan-Ära sehen. Die totale Korruption, der paranoide Antikommunismus, die wilden Jahre aus Börsen­euphorie und Kokain – »The Wolf of Wall Street«, »American Psycho«, »Miami Vice« und das alles.

Und hatte Barry Seal, während er schon im Vorzimmer der Staatsanwältin saß, ein paar hundert Jahre Knast vor Augen, nicht auch eine kleine telefonische Amnestie vom damaligen Arkansas-Gouverneur Bill Clinton erhalten? Die Mena-Affäre holte Clinton dann noch im Wahlkampf von 1992 ein ...

»Only in America«: Nach ein paar Monaten Trump haben die Börsenkurse absolute Rekordhöhen erreicht (der Grund dafür sind, vereinfacht gesagt, die ungeheuer niedrigen Kreditzinssätze; die Unternehmen kauften eine Zeitlang wie die Wilden mit billigen Krediten ihre eigenen Aktien zurück). Und natürlich steigen sie weiter, während inmitten dieses neuen Goldenen Zeitalters, das freilich wie gewohnt durch eine Massenarmut bezahlt wird, schon die ersten Wetten auf den Zeitpunkt des von den Statistiken angekündigten Apokalypseeintritts abgeschlossen werden.

Das Lächeln von Tom Cruise ist damals wie heute die Chiffre der Zeit.

»Barry Seal – Only in America«, Regie: Doug Liman, USA 2017, 115 min, bereits angelaufen

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Mehr aus: Feuilleton