Aus: Ausgabe vom 06.09.2017, Seite 8 / Ausland

»Schickt Simón Trinidad endlich in seine Heimat!«

FARC-Vertreter seit mehr als einem Jahrzehnt in US-Haft. Am Friedensprozess kann er nicht teilnehmen. Gespräch mit Mike Burton

Interview: André Scheer
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Sie sind der Strafverteidiger von Simón Trinidad, eines Vertreters der kolumbianischen Guerilla FARC, der sich für einen Frieden im Land stark machte. Derzeit reisen Sie durch Europa, um auf die Situation Trinidads aufmerksam zu machen, der seit mehr als einem Jahrzehnt in einem US-Hochsicherheitsgefängnis sitzt. Was genau wollen Sie erreichen?

Trinidad soll am derzeitigen kolumbianischen Friedensprozess teilhaben können. Doch das kann er nicht, wenn er in einem US-Gefängnis festgehalten wird. Deshalb fordern wir, dass er nach Kolumbien zurückkehrt. Er ist eine wichtige Person der kolumbianischen Politik. Wäre er in Kolumbien, würden für ihn die Amnestieregelungen gelten. Es gibt eine eigene Friedensgerichtsbarkeit, die wichtig für die Versöhnung ist. Auch die USA müssten das wissen, denn sie waren mit einem Vertreter während des Friedensprozesses zugegen. Wir fordern: Schickt Simón Trinidad endlich in seine Heimat!

Um wen genau handelt es sich bei Simón Trinidad, der eigentlich Ricardo Palmera heißt?

Er stammt aus einer angesehenen Familie aus der Küstenregion Kolumbiens. Sein Vater war Senator, sein Großvater sogar Gouverneur eines Verwaltungsgebiets. Trinidad ging auf eine angesehene Universität in Bogotá und wurde Bänker, dann Professor der Ökonomie. Doch die sozialen Fragen lagen ihm stets am Herzen. Als in den 80ern, im Zuge der damaligen Friedensgespräche der Regierung mit der Guerilla, die Kämpfer die Unión Patriótica gründeten und diese in seine Stadt kam, war er von ihrer Politik begeistert. Er trat ihr bei. Doch rechte Todesschwadrone begannen deren Anhänger zu ermorden, auch Trinidads Leben geriet in Gefahr. Ihm blieben nur zwei Möglichkeiten: das Land verlassen oder sich der Guerilla anschließen. Er entschied sich für letzteres, fühlte sich aber stets einem möglichen Frieden verpflichtet.

Welche Aufgaben übernahm er in der Guerilla?

Damals war er 37 Jahre alt. Für die FARC war es ungewöhnlich, Menschen in diesem Alter zu rekrutieren, denn ihre Mitglieder mussten große physische Belastungen aushalten. Doch Trinidads Intellekt und sein Wissen in ökonomischen Fragen beeindruckten sie. So beauftragte man ihn, die Bildung der Mitglieder und die Propagandatätigkeiten der FARC zu organisieren. Später wurde er dann zum Delegierten während der Friedensverhandlungen, die zwischen 1998 und 2002 stattfanden. In dieser Zeit wurde er weltberühmt, denn er gab Interviews und traf die Diplomaten verschiedener Länder. Nach dem Abbruch der Gespräche inszenierte die Regierung eine regelrechte Kampagne gegen ihn. Es hieß, er sei einer der teuflischen Führer der FARC, man warf ihm vor, alle möglichen Verbrechen veranlasst zu haben. Dabei war er hauptsächlich für Bildung zuständig.

Mittlerweile ist er in den USA gefangen. Wie kam es dazu?

Er wurde in Quito am 2. Januar 2004 festgenommen, als er mit UN-Vertretern versuchte, einen Gefangenenaustausch mit der kolumbianischen Regierung zustande zu bringen. Nur zwei Tage später wurde er den kolumbianischen Behörden übergeben. Am 6. Januar fragte die kolumbianische Regierung dann bei der US-Administration an, ob man Trinidad in die USA ausliefern könne. An dieser Stelle gibt es offenbar vieles, was uns nicht bekannt ist. Jedenfalls hieß es zunächst von den USA, dass dort gegen ihn keine Anklage bestehe. Doch schnell fand sich etwas. Im Dezember des Jahres wurde Trinidad dann in die USA gebracht. Man klagte ihn wegen Drogenschmuggels, Unterstützung einer Terrororganisation – als solche galten die FARC in den USA – und Geiselnahme an. Letzteres bezog sich auf einen Vorfall aus dem Jahr 2003. Damals stürzte eine US-Militärmaschine in Kolumbien ab, die FARC nahm drei Personen für mehrere Jahre gefangen. Trinidad sah die Personen nie und konnte über ihre Situation auch nicht entscheiden.

Wie verliefen die Verfahren?

Nach mehreren Verfahren wurde Trini­dad schließlich nicht wegen der Geiselnahme selbst, sondern wegen der Verschwörung zu ihrer Durchführung verurteilt. Die Staatsanwaltschaft drängte dann darauf, dass das Gericht zeigen müsse, dass sie die Tätigkeiten der FARC nicht dulde. Offenbar gab es zudem eine Absprache zwischen Kolumbien und den USA, denn er wurde nicht zu mehr Jahren verurteilt, als auch die Höchststrafe in Kolumbien für diese Fälle zu jener Zeit vorsah: 60 Jahre.

Mike Burton ist Strafverteidiger des als »Simón Trinidad« bekannten Kolumbianers Ricardo Palmera, der in den USA eine 60jährige Haftstrafe absitzt

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