Aus: Ausgabe vom 23.08.2017, Seite 7 / Ausland

Vorbild für US-Krieger

Was Donald Trump vergaß – Anmerkungen zu General John J. Pershing, dem »Schlächter der Moros«

Von Rainer Werning
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US-Imperialismus in der Karibik: Karikatur mit Präsident Theodore Roosevelt und »seinem großen Stock«

Es gibt kaum einen Ort in den Philippinen, dessen Zentrum ohne eine Plaza Rizal auskäme. Der auf dem Archipel als Nationalheld verehrte José Rizal ist Namensgeber dieser öffentlichen Plätze. Einzig in der südwestlichen Stadt Zamboanga hat Rizal einen sonderbaren »Rivalen«. Dort grenzt die Plaza Rizal unmittelbar an die Plaza Pershing. Was älteren, geschichtsbewussten Stadtbewohnern missfällt – aus gutem Grunde.

Geboren wurde John Joseph Pershing am 13. September 1860 im US-Bundesstaat Missouri. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass der junge John Joseph später einmal Missouris zweitbekanntester Sohn werden sollte – ausgerechnet nach dem international gefeierten Starautor, Pazifisten und von 1901 bis zu seinem Tode 1910 amtierenden Vizevorsitzenden der American Anti-Imperialist League, Samuel Langhorne Clemens alias Mark Twain. Während Pershing als Haudegen Karriere machte, mutierte der Schriftsteller Mark Twain in seinen letzten Lebensjahren zum Antiimperialisten, dem die Kolonialpolitik seines Landes zutiefst zuwider war.

Bereits im Jugendalter begeisterte Pershing der Militärdienst. Dem Abschluss seiner Ausbildung im Jahre 1886 folgte sofort die Feuertaufe: Bis in die 90er Jahre des vorletzten Jahrhunderts bekämpfte er die Sioux und Apachen, war kurzzeitig Instrukteur für Taktik an der renommierten Militärakademie West Point und fand sich um 1900 in Kuba wieder. Dort übernahm er während des Spanisch-Amerikanischen Krieges die 10. Kavallerie, der ausschließlich Afroamerikaner angehörten. Die Führung dieser Truppe brachte Pershing seinen Spitznamen »Black Jack« ein.

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Ungesühnte Kolonialverbrechen der USA: John J. Pershing ließ in den Philippinen Massaker an der Zivilbevölkerung begehen (erhängte Moro-Kämpfer, 23.7.1911)

Das Land, in dem Pershing am längsten Feinde aufstöberte und diese zum Ruhme von »Gottes eigenem Land« aus dem Wege räumte, waren die Philippinen. Zwischen 1899 und 1913 war Pershing in unterschiedlichen Funktionen in den Südphilippinen stationiert – zuletzt als Militärgouverneur der Moro-Provinz und Befehlshaber über Mindanao. Weil dort und auf Jolo die »renitenten Moros« den neuen Kolonialherren am heftigsten die Stirn boten, waren es Pershing und sein Kumpan Leonard Wood, die zu Architekten der US-»Befriedungskampagne« und zu »Schlächtern der Moros« wurden. Was in den Annalen der US-Militärgeschichte als »Bereinigung der Moro-Erhebung« beschönigt wird, war eine Serie von Massakern, in denen gezielt die Zivilbevölkerung hingemetzelt wurde.

Nach seinem Philippinen-Aufenthalt jagte der General in Mexiko den Guerillakommandanten Pancho Villa. Bereits ein Jahr später, 1917, als die USA mit der Entsendung der American Expeditionary Force in das Kriegsgeschehen in Europa eingriffen, war deren Oberkommandierender »Black Jack« Pershing. 1921 avancierte er zum Stabschef der U. S. Army, zehn Jahre später legte er seine bewegte Autobiographie eines Kriegers, »My Experience of War«, vor und erhielt den Titel General der Armeen der Vereinigten Staaten, die bis dahin höchste und ehrenvollste Auszeichnung, die ein US-amerikanischer Soldat jemals erhalten hatte.

Noch in den 1970er Jahren bezeichnete der in West Point lehrende Militärhistoriker Frank E. Vandiver den 1948 verstorbenen General als »größten Mann seit Jesus Christus«. Selbst weniger gottesfürchtige ­NATO-Strategen wussten um »Black Jacks« Durchschlagskraft. Im Rahmen des sogenannten NATO-Doppelbeschlusses und um die Aufrüstung zu Beginn der 1980er Jahre als Antwort auf eine vermeintliche Bedrohung durch die damals noch intakte Sowjetunion zu rechtfertigen, stationierten sie in Westeuropa neben »Cruise Missiles« eben auch »Pershing«-Raketen.

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