Aus: Ausgabe vom 23.08.2017, Seite 12 / Thema

Gefallen fürs Proletariat

Radikale Arbeiter, rote Furcht und die Kommunisten in den USA. Vor 90 Jahren wurden Sacco und Vanzetti hingerichtet

Von Gerhard Hanloser
21109754.jpg
Opfer der Klassenjustiz: Nicola Sacco (geboren am 22. April 1891 in Torremaggiore, hingerichtet am 23. August 1927 in Charlestown, Massachusetts, rechts) und Bartolomeo Vanzetti (geboren am 11. ­Juni 1888 in Villafalletto, hingerichtet am 23. August 1927 in Charlestown, Massachusetts, links)

Im Jahre 1927 urteilte der deutsche Anarchist Erich Mühsam: »Sieben Jahre hindurch folterten die amerikanischen Justizknechte die beiden als Raubmörder verleumdeten Anarchisten im Gefängnis, über sechs Jahre lang hing über ihren Köpfen das Damoklesschwert des rechtskräftigen Todesurteils, bis es vollstreckt wurde. Aber selbst in dem Lande, das bis jetzt von den Erschütterungen der Gesellschaftsfundamente durch die in Bewegung geratene Weltrevolution unmittelbar nur sehr wenig berührt ist, wich die traditionelle Brutalität, Gewissenlosigkeit und protzenhafte Überhebung der demokratischen Milliardärfunktionäre jahrelang immer wieder vor dem Protest der gesamten arbeitenden Menschheit zurück.« Und er hielt fest: »Sacco und Vanzetti sind für das Proletariat gefallen.«

In der Nacht vom 22. zum 23. August 1927 wird die Hinrichtung der beiden aus Italien eingewanderten Anarchisten Ferdinando »Nicola« Sacco und Bartolomeo Vanzetti vollstreckt. Sie bildet den tödlichen Schlussakkord in einem beispiellosen Justizskandal der USA. »Lang lebe die Anarchie«, rief der 36 Jahre alte Sacco vom elektrischen Stuhl aus. Der 39jährige Vanzetti erklärte gegenüber seinem Aufseher: »Ich möchte Ihnen sagen, dass ich unschuldig bin. Ich habe nie ein Verbrechen begangen, einige Sünden schon, aber kein Verbrechen.«

Was war passiert? Am 15. April 1920 werden in South Braintree nahe Boston zwei Mitarbeiter einer Schuhfabrik überfallen und Lohngelder in Höhe von 15.000 Dollar erbeutet. Die Diebe entkommen. Bartolomeo Vanzetti und Nicola Sacco werden festgenommen. Sie haben Waffen bei sich, verwickeln sich in Widersprüche und werden schließlich wegen doppelten Raubmordes angeklagt. Der Richter, Webster Thayer, gilt als ausländerfeindlich und antikommunistisch, Staatsanwalt Frederick Katzmann als scharfer Ankläger. In dem fadenscheinigen Prozess werden Dutzende von Entlastungszeugen nicht gehört, weil sie »Ausländer« waren, Beweismaterial zur Entlastung der Beschuldigten wird unterschlagen. Selbst als die wahren Täter die Tat gestehen, ignorieren Richter Thayer und Staatsanwalt Katzmann die Fakten. Thayer kommt schließlich zu dem früh feststehenden Urteil: Die beiden sollen sterben »mit einem Stromstoß durch ihren Körper«, also auf dem elektrischen Stuhl.

In der Geschichte der Kommunisten- und Anarchistenhatz in den USA war die Hinrichtung von Sacco und Vanzetti nicht der erste Justizmord. Schließlich zeigten bereits die Ereignisse um den sogenannten Haymarket-Riot von 1886, mit welchen Methoden Politik, Presse und Justiz gegen die breite und militante Arbeiterbewegung im Land vorzugehen bereit war.

Haymarket Riot

Im Oktober 1884 rief die Federation of Organized Trades and Labor Unions of the United States and Canada zu einem landesweiten Streik für den 1. Mai 1886 auf. Die agitatorisch recht einflussreichen anarchistischen Gruppen, in denen deutsche Handwerker eine wichtige Rolle spielten, riefen ebenfalls zu einer Beteiligung an den Demonstrationen auf, forderten aber darüber hinaus eine Abschaffung des Lohnsystems. Offizielles Ziel war die Arbeitszeitbegrenzung durch Einführung des Achtstundentages. Am 1. Mai streikten in den Vereinigten Staaten nach verschiedenen Schätzungen insgesamt zwischen 300.000 und 500.000 Menschen. Der größte Streik fand in Chicago mit rund 90.000 Teilnehmern statt. Am 4. Mai wurde eine Bombe in die Menge geworfen, die sich erneut am Haymarket-Square versammelt hatte. Zwölf Menschen, darunter ein Polizist, starben noch am Ort des Geschehens. Sechs weitere Polizisten erlagen später ihren Verletzungen. Die Staatsgewalt eröffnete das Feuer, tötete und verletzte eine unbekannte Zahl von Protestierenden. Acht Männer, die den Streik mitorganisiert hatten, wurden angeklagt und für schuldig befunden – die meisten von ihnen überzeugte Anarchisten. August Spies, Albert Parsons, George Engel und Adolph Fischer wurden erhängt. Louis Lingg beging Selbstmord mit einer in seine Zelle geschmuggelten Stange Dynamit, Oscar Neebe wurde zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Die Todesurteile gegen Michael Schwab und Samuel Fielden wurden von Gouverneur Richard James Oglesby nach dem Gnadenrecht in lebenslange Haft umgewandelt.

Doch das repressive Vorgehen gegen Arbeiteraktivisten konnte den Radikalismus der US-amerikanischen Arbeiterbewegung nicht beenden. Anfang des 20. Jahrhunderts spitzte sich die Situation durch die Wirkung von Krise und Russischer Revolution gar weiter zu. 1919 brandete eine Streikwelle auf, wie sie in der US-Geschichte bis dahin unbekannt war. Vier Millionen Arbeiter beteiligten sich. Das Land befand sich in einer schlimmen Rezession. Im März zählte man 181 Streiks und Aussperrungen, im April 262 und im Mai schließlich 413 Ausstände. Die wichtigste Rolle in dieser Bewegung spielten die Industrial Workers of the World (IWW, kurz Wobblies genannt). Die Wobblies hatten bereits im September 1917 Streiks in kriegswichtigen Industriebranchen ausgerufen, sie organisierten viele ungelernte Arbeiter – vor allem mit Migrationshintergrund. Mit ihrer radikalen Programmatik, die eine Unversöhnlichkeit gegenüber den Unternehmern zum Ausdruck brachte, und dem Versprechen, »one big union« für alle zu sein, erreichte und organisierte sie auch ungelernte Arbeiter sowie ländliche Wander- und Bergarbeiter, die aus Ost- und Südeuropa in die USA migriert waren. Viele Mitglieder der IWW waren Afroamerikaner, Mexikaner oder hatten asiatische Wurzeln. Zwischen 1917 und 1918 konnten die Wobblies ihre Mitgliederzahlen innerhalb kurzer Zeit von 100.000 auf 250.000 steigern, schaffte es allerdings nicht, die reformistische und nationalistische American Federation of Labor (AFL) mit ihren vier Millionen Mitgliedern in ihrer Hochzeit 1918/19 zu überflügeln. Die militanteren, meist ausländischen Arbeiter sollten in der Vorstellung der auf Tarifverhandlungen setzenden Gewerkschafter das Drohpotential abgeben, um Forderungen durchzusetzen, wie ein Zitat des AFL-Chefs Samuel Gompers zeigt: »Eines Tages werden die Ausländer protestieren: wahrscheinlich nicht auf die gleiche Weise wie die amerikanischen Berufsgewerkschaften, nicht nach dem ›angelsächsischen Plan‹. Aber wenn die Konzerne nicht mit uns, der AFL, verhandeln, dann werden sie mit Leuten verhandeln müssen, die die amerikanischen Ideale nicht teilen.« Somit trägt die offizielle Arbeiterbewegung Mitschuld an der Entstehung bzw. Festigung eines Rassismus der Arbeiter und hat an der normativen und kulturalistischen Festlegung dessen mitgewirkt, was »american« sei und was nicht. Dabei hielt der sozialistische Historiker Daniel Guérin in seiner Darstellung der US-amerikanischen Arbeiterbewegung fest, dass besonders die Wobblies »sich mehr in der amerikanischen Tradition als irgendeine andere Gewerkschaft, die in Amerika gegründet worden ist«, befanden: »ihre äußerst demokratische Konzeption und Struktur (sie lehnten denTitel ›Präsident‹ ab und kürzten die Gehälter ihrer Führer) sowie ihre Vorliebe für das Referendum trugen dazu bei, ihnen die Sympathie und das Vertrauen nicht nur der Wanderarbeiter, der ›hoboes‹, einzubringen, sondern auch der Arbeiter anderer Kategorien«.

»Red Scare«

Insgesamt muss festgehalten werden, dass auf die Streikwelle von 1919 mit einer Kommunismusfurcht reagiert wurde, die weniger ein adäquater Reflex auf eine wirkliche »rote Gefahr« in den USA darstellte, als vielmehr der Logik antikommunistischer Paranoia gehorchte. Schließlich wurden die Strukturen der IWW im Zuge des von der US-Regierung verhängten Kriegszustands zerschlagen. 1917 wurden Zehntausende Mitglieder der Wobblies in Massenprozessen in Chicago zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt. Streikaktivitäten wurden zu kriminellen Verschwörungen erklärt und IWW-Anhänger des Landesverrats bezichtigt. Zu diesem Klassenhass und der politischen Paranoia gesellte sich ein aggressiver, bellizistischer Nationalismus, der seinen Ursprung im Ersten Weltkrieg hatte. Dieser Nationalismus war umso rassistischer, je stärker aus dem Krieg heimgekehrte Afroamerikaner die Rassentrennung der US-Gesellschaft in Frage stellten und den antikolonialen wie antirassistischen Impetus der Russischen Revolution begrüßten. Der Erfolg der Bolschewiki in Russland marginalisierte Anarchismus und Syndikalismus – und führte dazu, dass maßgebliche Teile der Wobblies dem Bolschewismus zuneigten. Trotzdem mochte sich der US-Kommunismus nicht zu einer machtvollen Kraft entwickeln. Erst auf Druck der Komintern im Jahr 1920 schlossen sich die beiden existierenden kommunistischen Parteien zusammen. Lenin legte ihnen einen Strategiewechsel nahe: Weg vom Dasein als sektiererische Elitepartei hin zu einer in der US-Gewerkschaftsbewegung tätigen Massenpartei. Doch nicht zuletzt die Einschüchterungsmaßnahmen staatlicher Seite hatten zur Folge, dass die Kommunistische Partei 1921 weniger als 10.000 Mitglieder vorzuweisen hatte. Neben den Kommunisten gab es im radikalen Lager lose anarchistische Zusammenhänge, die sich militant in die Klassenauseinandersetzungen einbrachten.

9956406.jpg
Woge der Solidarität. Kundgebung für die Freilassung von Sacco und Vanzetti (New York City am 9. August 1927)

Vertrauen der Arbeiter

Die beiden aus Italien stammenden Arbeiter Sacco und Vanzetti waren gemessen an Herkunft, Erfahrung und sozialem Hintergrund typische Vertreter der neuen migrantischen Arbeiter in den USA, wie sie Jahre zuvor hauptsächlich durch die IWW vertreten worden waren. Beide neigten dem Anarchismus zu, weil sie, wie Vanzetti schrieb, »all die Leiden, Enttäuschungen und Entbehrungen« in Amerika erfahren hatten: »Hier sah ich die ganze Grausamkeit des Lebens, all die Ungerechtigkeit und die Korruption, mit der sich die Menschheit auf tragische Weise rumschlägt«. Vor diesem Erfahrungshintergrund suchte Vanzetti seine »Freiheit in der Freiheit aller«, sein »Glück im Glück aller«. Der 1888 in Villafalletto bei Cuneo geboren Migrant kam mit dem Anarchisten Vincenco Brini in Kontakt, las Malatesta, Kropotkin, Tolstoi, war Arbeiteraktivist und verwaltete bei einem Streik in seiner Fabrik in Plymouth im Januar 1916 die Streikkasse. Nach Ende des erfolglosen Streiks wurde Vanzetti als Anführer auf eine schwarze Liste gesetzt und gekündigt. Damit war er für alle anderen Firmen der Region als »unruhestiftendes, revolutionäres und aufwieglerisches Element« stigmatisiert. Als Tagelöhner lernte er Nicola Sacco kennen, beide erwarben sich, so formulierte es Erich Mühsam, »bei Streikbewegungen das Vertrauen der Arbeiter von Massachusetts«.

Der drei Jahre jüngere Sacco arbeitete unter anderem als Wasserträger in einer Kolonne bei Straßenarbeiten. Wie Vanzetti war er 1908 aus Italien in die USA eingewandert. Ab November 1918 verdiente er durch Akkordarbeit in einer Schuhfabrik bis zu achtzig Dollar in der Woche, was einem überdurchschnittlichen Arbeitergehalt entsprach. Im Mai 1917 begegneten sich die beiden als Aktivisten der anarchistischen Bewegung um Luigi Galleani zum ersten Mal. Galleani gehörte zum kommunistischen Anarchismus, war auch aufständlerischer Praxis nicht abgeneigt und gab die italienischsprachige anarchistische Zeitung Cronaca Sovversiva (Subversive Nachrichten) heraus. Sacco und Vanzetti waren klassische Vertreter eines migrantischen und anarchistischen Arbeiterradikalismus.

So lagen anfänglich auch alle Rechtsangelegenheiten in den Händen von Radicals, wie dem italienischen Anarchisten Carlo Tresca oder der IWW-Aktivistin Elisabeth Flynn. Fred Moore, ein mehrfach erfolgreicher Anwalt der IWW, übernahm anfangs das Mandat zur Vertretung von Sacco und Vanzetti. Die sieben Jahre von Inhaftierung über Gerichtsverhandlung und Verurteilung bis zur staatlich verordneten Ermordung fielen genau in jene Zeit, als die Phase der schlimmsten »Red-Scare«-Paranoia abgelöst wurde von einer im Entstehen begriffenen Zivilgesellschaft, fielen in jene Zeit, als der US-Kapitalismus sich nach der Krise wieder zu erholen begann. Die Verurteilung der beiden folgte dabei vollständig der antikommunistischen »Red Scare«, also der paranoiden Angst vor dem Kommunismus, die sich mit einem schrillen Nationalismus verband. Im Prozess wurde den beiden mangelnder Patriotismus vorgehalten, und sie wurden des »unamerikanischen Verhaltens« bezichtigt. So warf Staatsanwalt Katzmann den beiden Angeklagten in Kreuzverhören deren Flucht vor dem Kriegsdienst nach Mexiko hervor. Und er fragte demagogisch, ob das »Ihre Vorstellung, Ihre Liebe zu Amerika zu beweisen« ausdrücke. Allerdings blieb diese vorverurteilende Haltung öffentlich nicht unangefochten. Das Resümee des eher konservativen Historikers für nordamerikanische Geschichte, Erich Angermann, wonach Sacco und Vanzetti »mehr und mehr zum Symbol eines neu erwachenden Gerechtigkeitsgefühls vieler amerikanischer Intellektueller« wurden, stimmt insofern, als dass sich in der Kampagne für eine Wiederaufnahme des Verfahrens in den USA ein offizielles Abrücken von einer breiten antikommunistischen Hysterie zeigte. Zu Beginn des Prozesses mobilisierten bloß die Einwanderer-Communities sowie anarchistische und einige Arbeiterorganisationen zu Protesten. Nachdem Absprachen, Vertuschungen, unterschlagene Geständnisse und anderes öffentlich bekannt wurden, äußersten sich selbst konservative Intellektuelle zum Justizskandal. In einem Artikel im Magazin The Atlantic Monthly von März 1927 kritisierte der Jurist Felix Frankfurter die Entscheidungen von Richter Thayer scharf, und die Frage, ob Sacco und Vanzetti sterben sollten, wurde in US-Zeitungen und der Öffentlichkeit kontrovers debattiert. Frankfurter beteiligte sich 1920 an der Gründung der American Civil Liberties Union und in den späten 1920ern an Versuchen, das Todesurteil für Sacco und Vanzetti abzuwenden.

Breite Freiheitskampagne

Eine besonders auf Amerikaner zugeschnittene Kampagne des »Sacco-Vanzetti Defense Committee« unter Federführung des Anarchisten Aldino Felicani und des Journalisten Gardner Jackson konnte vor Vollstreckung des Todesurteils bei breiten Bevölkerungsschichten und Glaubensgruppen Interesse wecken. Katholiken, Quäker, Presbyterianer, Atheisten, Wissenschaftler, Schriftsteller und viele andere begannen, sich für die Verurteilten einzusetzen. Auch die Kommunistische Partei sprang auf diesen fahrenden Zug auf. Außerhalb der USA war es schon früh zu öffentlichen Protestkundgebungen gekommen, an deren Spitze Kommunisten standen. Die größten Demonstrationen fanden in Frankreich und Italien statt, wo Zehntausende Menschen teilnahmen. Diese Reaktionen auf den geplanten Justizmord an Sacco und Vanzetti waren neu und zeigten, dass die Haltung der »Red Scare« nicht die unangefochtene Ideologie des Bürgertums darstellte. Am Tag der Hinrichtung versammelten sich am Union Square in New York 15.000 Menschen, die die Todesnachricht mit allen Ausdrucksformen von Wut und Verzweiflung aufnahmen. Auch außerhalb der USA entlud sich die Empörung über die Hinrichtung. Vor diesem Hintergrund analysierte der kommunistische Funktionär John Pepper in Die Kommunistischen Internationale vom 29. September 1927, also einen Monat nach dem Tod der beiden, die internationale Sacco-Vanzetti-Kampagne und versuchte auf deren klassenunspezifische Breitenwirkung eine Antwort zu finden. Pepper konstatiert eine wirkliche internationale Bewegung »zu einer Kampagne von außerordentlicher Weltbedeutung«. Sehr breite Massen des Kleinbürgertums und der Intelligenz hätten die »Sacco-und-Vanzetti-Angelegenheit als eine Angelegenheit der ›Menscheit‹ empfunden«.

Mit auf revolutionäre Klassenreinheit fixiertem Blick stellte Pepper fest, dass sich »die internationale Bourgeoisie in der Beurteilung der Hinrichtung zweier revolutionärer Arbeiter uneinig zeigte; ein wahrer Durchbruch hat den in den Fragen der Klassenjustiz sonst so hohen, breiten, widerstandsfähigen Damm der kapitalistischen Solidarität gesprengt«. Und der gebürtige Ungar Joszef Pogany, der sich hinter dem Nom de guerre John Pepper verbarg, führte weiter aus: »Wenn es sich um das Leben und den Tod verhafteter Revolutionäre handelt, versucht die Bourgeoisie gewöhnlich, die Vertreter des Proletariats als Bluthunde darzustellen, die das Hinrichten tausendmal verdienen, oder aber sie versucht, die ganze Angelegenheit totzuschweigen, um die breite Verteidigungskampagne unmöglich zu machen. In der Sacco-Vanzetti-Angelegenheit aber wurden die zum Tode Verurteilten in den sentimentalsten Farben geschildert, die rührendsten Szenen aus ihrem Familienleben hat man in Worten und Bildern ausgemalt, man hat der Angelegenheit eine weitgehende Publizität wie noch nie gegeben.« Später, Mitte der 30er Jahre, wurden die von Pepper an der Sacco-und-Vanzetti-Kampagne noch als Konzessionen ans »Kleinbürgertum« kritisierten Politik- und Agitationsmaßnahmen zum selbstverständlichen Arsenal kommunistischer »Volksfront«-Taktik. Pepper war bis 1929 Funktionär der Kommunistischen Internationale in Moskau, während des großen Terrors wurde er exekutiert.

Ausgespart blieb in John Peppers Analyse, dass nicht nur die von der Russischen Oktoberrevolution ausgehende Gefahr 1927 gebannt schien. Auch der Klassenkampf in den USA war abgeebbt. Der Historiker Moshik Temkin, der 2009 ein Buch über die Affäre Sacco und Vanzetti herausbrachte, schreibt: »The heady days of strong, organized militant labor were over.« Zum Ende der Kampagne für das Leben von Sacco und Vanzetti befand sich der US-amerikanische Kapitalismus tatsächlich in einem wirtschaftlich Take-off, um schließlich 1929 in sich zusammenzubrechen – die kurzzeitige Konsolidierung der Ökonomie ließ eine flexiblere bürgerliche Ideologie und ermöglichte das Aufkommen einer kritischen Öffentlichkeit.

Tatsächlich hatte die Kommunistische Partei selbst einen großen Anteil daran, dass sich unterschiedliche Kräfte in einer einheitlichen Kampagne wiederfanden; viele nichtkommunistische bzw. liberale Intellektuelle zeigten sich offen für die Agitation der Kommunisten, wonach der Fall Sacco und Vanzetti die brutale Klassenjustiz und -wirklichkeit der USA offenbare. Und auch der Kommunist und Verleger Willi Münzenberg hatte ab 1925 einen nicht unwesentlichen Anteil daran, weite Teile der internationalen Öffentlichkeit auf das Schicksal von Sacco und Vanzetti aufmerksam zu machen. Insofern war das Agieren der Kommunisten im Fall Sacco und Vanzetti ein Vorgriff auf die auf breite Bündnisse und Akzeptanz im bürgerlichen Milieu setzende Volksfrontpolitik. Schließlich präsentierten sie Sacco und Vanzetti in erster Linie als Opfer und nicht als anarchistische Feinde der kapitalistischen Ordnung.

Gerhard Hanloser schrieb an dieser Stelle zuletzt am 5. Mai 2017 über das Russel-Tribunal. Er spricht heute um 20 Uhr als Gast der »Jungen Panke« über die Anfänge der US-amerikanischen Arbeiterbewegung und den Fall Sacco und Vancetti im Garten des »About blank«, Mark­grafendamm 24c, 10245 Berlin.

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Hans Dölzer: Kein Suizid Im verdienstvollen Beitrag von Gerhard Hanloser zum Justizmord an Sacco und Vanzetti hat sich ein Fehler eingeschlichen. Hanloser sitzt der offiziellen Legende auf, der zum Tode verurteilte Louis Ling...

Ähnliche:

Regio: