Aus: Ausgabe vom 12.08.2017, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Diese Macht muss gestürzt werden

Ende Juli 1917 nahm Lenin zur neuen Lage nach dem Sieg der Konterrevolution in Petrograd Stellung (Teil III und Schluss)

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»Im gegenwärtigen Augenblick gleichen diese Sowjets Hammeln, die, zur Schlachtbank geführt und unter das Beil gestellt, jämmerlich blöken.« – Die Mehrheit im Petrograder Sowjet hatten nach der Februarrevolution 1917 zunächst Menschewiki und Sozialrevolutionäre

Am 17. Juli 1917 (4. Juli nach altrussischem/julianischem Kalender) ließ die Provisorische Regierung Russlands in Petrograd eine Demonstration gegen die von ihr angeordnete Offensive an der Front gegen die Mittelmächte zusammenschießen. Auf dem Angriff hatte Kriegsminister Alexander Kerenski (Sozialrevolutionäre) bestanden. Nach dem Scheitern der Offensive und der gewaltsamen Niederschlagung der Proteste, der die Führer der Menschewiki und der Sozialrevolutionäre – beide Parteien verfügten zusammen im Petrograder Sowjet über die Mehrheit – zugestimmt hatten, traten mehrere Minister zurück, und Kerenski wurde als Diktator Russlands eingesetzt. An der Demonstration gegen die Fortsetzung des Krieges vom 17. Juli, die unter der Losung »Alle Macht den ­Sowjets« stattfand, nahm mehr als eine halbe Million Menschen teil. Die Regierung und fast die gesamte Presse behaupteten, es habe sich um einen Putschversuch der Bolschewiki gehandelt. Die Partei wurde verfolgt, die Bourgeoisie sowie große Teile der Menschewiki und der Sozialrevolutionäre erzeugten eine antikommunistische Pogromstimmung. Lenin ging für dreieinhalb Monate in die Illegalität und wandte sich Ende Juli mit dem Text »Zu den Losungen« an die Öffentlichkeit.

Der Staat, das sind vor allem Formationen bewaffneter Menschen mit sachlichen Anhängseln, wie z. B. Gefängnissen – schrieb Friedrich Engels (Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Band 21, Seite 166). Jetzt sind das die Offiziersschüler und reaktionären Kosaken, die man eigens nach Petrograd gebracht hat; es sind die, die (Lew) Kamenew (1883–1936, Bolschewik, Herausgeber der Parteizeitung Prawda und sowjetischer Politiker, jW) und andere hinter Schloss und Riegel halten; die die Prawda verboten haben; die die Arbeiter und einen bestimmten Teil der Soldaten entwaffnet haben; die einen bestimmten Teil der Soldaten erschießen, die einen ebenso bestimmten Teil der Truppen in der Armee erschießen. Eben diese Henker sind die reale Macht. (…)

Diese Macht muss gestürzt werden, sonst sind alle Redensarten vom Kampf gegen die Konterrevolution leere Phrasen, »Selbstbetrug und Betrug am Volke«. (…) Die ganze Agitation im Volke muss so umgestellt werden, dass die völlige Aussichtslosigkeit für die Bauern, Land zu bekommen, solange die Macht der Militärclique nicht gestürzt ist, solange die Parteien der Sozialrevolutionäre und der Menschewiki nicht entlarvt und des Volksvertrauens beraubt sind, klar wird. Das wäre unter »normalen« Verhältnissen der kapitalistischen Entwicklung ein sehr langer und sehr schwieriger Prozess, aber der Krieg und die wirtschaftliche Zerrüttung werden die Sache ungeheuer beschleunigen. Das sind »Beschleuniger«, die bewirken, dass ein Monat und sogar eine Woche einem Jahre gleichkommen kann. (…) Die Macht in den Händen des Proletariats, seine Unterstützung durch die arme Bauernschaft oder die Halbproletarier – das ist der einzige Ausweg, und wir sagten bereits, welche Umstände diesen Ausweg außerordentlich beschleunigen können.

In dieser neuen Revolution können und müssen Sowjets entstehen, aber nicht die jetzigen Sowjets, nicht Organe des Paktierens mit der Bourgeoisie, sondern Organe des revolutionären Kampfes gegen sie. Dass wir auch dann für den Aufbau des ganzen Staates nach dem Typus der Sowjets sein werden, das stimmt. Es ist dies nicht eine Frage der Sowjets überhaupt, sondern eine Frage des Kampfes gegen die gegenwärtige Konterrevolution und gegen den Verrat der gegenwärtigen Sowjets.

Die Ersetzung des Konkreten durch Abstraktes ist eine der Hauptsünden, der gefährlichsten Sünden in der Revolution. Die gegenwärtigen Sowjets sind gescheitert, haben vollkommenen Schiffbruch erlitten, weil in ihnen die Parteien der Sozialrevolutionäre und Menschewiki herrschten. Im gegenwärtigen Augenblick gleichen diese Sowjets Hammeln, die, zur Schlachtbank geführt und unter das Beil gestellt, jämmerlich blöken. (…) Man muss nicht mit den alten, sondern mit den neuen Klassen- und Parteikategorien der Zeit nach dem Juli operieren. Man muss am Anfang des neuen Zyklus von der siegreichen bürgerlichen Konterrevolution ausgehen, die gesiegt hat, weil die Sozialrevolutionäre und Menschewiki mit ihr paktiert haben, und die besiegt werden kann nur durch das revolutionäre Proletariat. In diesem neuen Zyklus wird es natürlich noch mannigfache Etappen geben sowohl bis zum endgültigen Sieg der Konterrevolution wie bis zur endgültigen (kampflosen) Niederlage der Sozialrevolutionäre und Menschewiki und bis zum neuen Aufschwung der neuen Revolution. Aber darüber wird man erst später sprechen können, wenn diese Etappen im einzelnen festere Umrisse bekommen haben …

Wladimir Iljitsch Lenin: Zu den Losungen. 1917 als Broschüre vom Komitee der Kronstädter Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (Bolschewiki) – SDAPR (B) – herausgegeben. Hier zitiert nach: W. I. Lenin: Werke, Band 25. Dietz Verlag, Berlin 1974, Seiten 185–189

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