Aus: Ausgabe vom 12.08.2017, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Brandsatz im Hühnerhof

Image der Branche ramponiert: Fipronil-Eier in 17 Länder geliefert. Belgien und Niederlande streiten um Urheberschaft des Skandals

Von Klaas Brinkhof
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Weil die Eierlegeroboter »bio« sind, ist Seuchengefahr impliziert: Hühnerfarm nahe Antwerpen

Im Skandal um die mit dem Insektizid Fipronil belasteten Eier hat die niederländische Polizei am Donnerstag zwei Manager des Unternehmens Chickfriend festgenommen. Die Desinfektionsfirma aus Barneveld soll beim Reinigen von Hühnerställen Mittel eingesetzt haben, die Fipronil enthielten. Dadurch wurden Millionen Eier ungenießbar. Beiden wird vorgeworfen, die allgemeine Gesundheit gefährdet zu haben.

Den Verhaftungen gingen Hausdurchsuchungen in Belgien und den Niederlanden voraus. Im ersteren Land liegt der Fokus auf der Firma Poultry-Vision, bei der Chickfriend offenbar das Reinigungsmittel DEGA-16 kaufte. Das soll nur aus ätherischen Ölen wie Menthol und Eukalyptus bestehen. Ob das Fipronil schon in Belgien oder erst in den Niederlanden untergemischt wurde, müssen die weiteren Ermittlungen zeigen. Während DEGA-16 in Reinform unbedenklich ist, darf das Antiläusemittel Fipronil nicht in die menschliche Nahrungskette gelangen.

Mit Kenntnisstand Freitag sind belastete Eier in 15 EU Staaten sowie in die Schweiz und sogar in die chinesische Finanzmetropole Hongkong gelangt. Das teilte die EU-Kommission am Freitag in Brüssel mit. In Rumänien wurde es in 20 Tonnen flüssigen Eigelbs gefunden. Alleine in Deutschland mussten bis jetzt zehn Millionen Eier vernichtet werden. Die meisten stammen wohl aus den Niederlanden, aus Ställen, die Chickfriend reinigte (jW berichtete). Rund 180 der zirka tausend niederländischen Großproduktionsstätten sind davon betroffen.

Der Schaden belaufe sich auf mindestens 150 Millionen Euro, errechnete der Vorsitzende des Verbandes der niederländischen Hühnermastbetriebe, Hugo Bens, am Donnerstag auf der Nachrichtenseite Nu. »Wenn das Konsumentenvertrauen nicht schnell wiederhergestellt werden kann, dann kann er auf 300 Millionen steigen.« Hinzu komme der Imageschaden für Eier aus den Niederlanden. »Das ist schwer zu berechnen«, sagte Bens. Viele Betriebe setzten ihre Legehennen nun auf eine spezielle Diät, wodurch das Gift aus dem Körper der Tiere verschwinden soll.

Die Überwachung hat wieder einmal versagt. Ein verarbeitender Betrieb aus Belgien hatte bei der internen Kontrolle Anfang Juni in angelieferten Eiern Fipronil gefunden und informierte umgehend die Behörden. Die untersuchten den Fall und ließen sich Zeit – erst am 20. Juli ging eine Meldung an das Europäische Schnellwarnsystem für Lebens- und Futtermittel. Aus ermittlungstechnischen Gründen, entschuldigen sich die belgischen Behörden, die jetzt für ihr langsames Vorgehen heftig kritisiert werden.

Die Belgier geben den Schwarzen Peter jedoch an die Niederländer weiter. Dort hätte die Lebensmittelaufsichtsbehörde NVWA schon Ende November 2016 einen Tipp aus der Branche bekommen, teilte Landwirtschaftsminister Denis Ducarme am Mittwoch mit. Aber anstatt alle Hebel in Bewegung zu setzen, hätte die NVWA noch nicht einmal die EU-Partner informiert. »Die Niederlande haben viel zu lange gewartet, bis sie Informationen zuspielten«, ärgerte sich Ducarme laut dem Algemeen Dagblad.

Einen Monat lang hätten die Behörden ihre niederländischen Kollegen im Juni bitten müssen, bevor sie Informationen über den Betrieb Chickfriend erhalten hätten, der bei den Ermittlungen schnell in den Blickpunkt geraten sei. War es nur Schlamperei oder wollte die NVWA, die dem Wirtschaftsministerium unterstellt ist, die einheimische Agrarindustrie vor einem handfesten Lebensmittelskandal schützen?

Die Aufsichtsbehörde bestreitet nicht, dass sie schon im November einen Tipp erhalten hat, aber es habe zu dem Zeitpunkt keinen »einzigen Hinweis darauf gegeben, dass Fipronil auch in Eiern sein könnte.« Das ist merkwürdig, denn die EU hat mehrfach in ihren Berichten auf die Gefahr durch das Insektizid hingewiesen. Der Tipp hätte also sofort alle Alarmglocken zum Schrillen bringen müssen. »Wir bekommen jedes Jahr 910 Verdachtsmeldungen. Die können wir doch nicht alle melden«, war sich ein Sprecher der NVWA am Mittwoch laut der niederländischn Wirtschaftszeitung NRC Handelsblad keiner Schuld bewusst.

Besonders bedenklich: Mit Fipronil verseuchte Eier könnten schon seit über einem Jahr auf dem Markt sein. Laut der niederländischen Tageszeitung De Volkskrant vom 2. August hatte ein Hühnermastbetrieb aus der Provinz Drenthe schon im Juni 2016 eine Putzkolonne von Chickfriend im Haus. Ob dabei bereits das nachträglich mit Fipronil gestreckte DEGA-16 benutzt wurde, ist nicht mehr nachzuweisen, aber wahrscheinlich.

»Wir können tatsächlich nicht ausschließen, dass schon 2016 Eier mit einer erhöhten Dosis Fripronil verkauft worden sind«, gab der Vorsitzende des niederländischen Fachverbands der Federtierhalter Hennie de Haan zu. »Ab da ging in der Branche die Nachricht um, dass DEGA-16 ziemlich gut sei, und immer mehr Bauern benutzten es.« Eine oder mehrere der beteiligten Firmen wollten sich offenbar gegenüber den Konkurrenten einen Wettbewerbsvorteil verschaffen, indem sie ihr Mittel unerlaubt mit Fipronil streckten und dadurch wirkungsvoller gegen die Blutlaus vorgehen konnten als die anderen.

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