Aus: Ausgabe vom 12.08.2017, Seite 6 / Ausland

Klatsche für die Gewerkschaft

Automobilkonzernen wie Nissan gelingt es in den USA immer wieder, Arbeiterrechte zu umgehen

Von Stephan Kimmerle, Seattle
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Verkehrte Welt: Nissan-Arbeiter protestiert gegen seine eigenen Rechte

»Der Gewerkschaft geht es nur um sich selbst. Das ist alles, es dreht sich um Gier«, tönte es in dem Fernsehspot des Autokonzerns Nissan in Canton, Mississippi. Die Antigewerkschaftskampagne lief auf allen Kanälen; im Lokalfernsehen, im Radio und online – sowie per Video im Werk selbst. Meilenweit riefen Anzeigetafeln zu einem »Nein« auf, um die United Automobile Workers (UAW) auch in Zukunft aus dem Betrieb fernzuhalten. Nicht nur in Mitarbeiterversammlungen, auch in Einzelgesprächen versuchte der japanische Konzern die Einflussnahme der Gewerkschaft abzuwenden.

Ende vergangener Woche stimmten dann 63 Prozent der Nissan-Arbeiter gegen eine gewerkschaftliche Repräsentanz. Nur 37 Prozent folgten dem Gesuch der UAW, den Grundstein für zukünftige Tarifverträge zu legen. Hunderte Vertragsarbeiter durften dabei nicht abstimmen, von den 6.400 Beschäftigten im Werk waren nur rund 3.700 zur Stimmabgabe aufgerufen.

Damit scheitert die UAW erneut bei dem Versuch, in den traditionell gewerkschaftsfeindlichen Bundesstaaten im Süden der USA Fuß zu fassen. Beim Volkswagen-Werk in Chattanooga im Bundesstaat Tennessee war es der UAW 2014 nicht anders ergangen. Ebenso am Nissan-Standort in Smyrna, ebenfalls Tennessee, wo es ähnliche Versuche schon in den Jahren 1989 und 2001 gegeben hatte.

Die Südstaaten der USA sind Anlaufpunkt für internationale Konzerne. Die Bevölkerung ist traditionell ärmer, die Konkurrenz härter, die Löhne sind niedriger und die politischen Vorgaben streng antigewerkschaftlich. Neben VW und Nissan unterhält auch der deutsche Automobilkonzern Daimler seine einzige Mercedes-Benz-Fabrik in den USA in Alabama. Das Montagewerk des bayerischen Konzerns BMW sitzt in in South Carolina.

Um gegen die antigewerkschaftliche Hetze in Politik und Medien anzukommen, hatte die UAW versucht, Unterstützung von außen zu mobilisieren. Anfang März kamen zu einem »Marsch auf Mississippi« Tausende Autoarbeiter aus dem ganzen Land nach Canton. Mit dem Slogan »Arbeiterrechte gleich Bürgerrechte« appellierte die Gewerkschaft an afroamerikanische Bürgerrechtsbewegungen; 80 Prozent der Beschäftigten im Werk sind schwarz.

Doch immer wieder gelingt es den Konzernmanagern, die Bilanz der UAW in den Vordergrund zu rücken – und die ist düster. Zusammen mit den Unternehmensführungen versuchte die UAW bei General Motors, Ford und Chrysler den Betrieb wettbewerbsfähig zu machen. Die enge Verflechtung mit den drei großen US-Autokonzernen führte dazu, dass die UAW aktiv an Lohnsenkungen und dem Abbau von Sozialleistungen beteiligt war. Der Skandal, den das Justizministerium in der Woche vor der Abstimmung bei Nissan bekanntgemacht hatte, untermalt das enge, beinah korrupte Verhältnis zwischen den UAW-Spitzen und den Autobauern.

Auch an Kampfbereitschaft fehle es, so Scott Houldieson, Vizepräsident der Gewerkschaftsgliederung 551 der UAW in Chicago, gegenüber dem US-Wirtschaftsmagazin In These Times am vergangenen Montag. »Traurigerweise hat die UAW-Strategie nie in Betracht gezogen, irgendwo in der Zulieferkette zu streiken.« Auf diese Weise hätte der Widerstand gegen die Gewerkschaft überwunden werden können, glaubt er. »Die UAW wurde von kämpferischen Minderheiten aufgebaut«, erinnert Houldieson, »die haben die Geschichte komplett vergessen«.

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