Aus: Ausgabe vom 11.08.2017, Seite 6 / Ausland

Über Obst und Grenzen

Kroatien rudert mit Vorhaben zurück, Einfuhrgebühren für Nachbarländer drastisch zu erhöhen

Von Roland Zschächner
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Harte Arbeit für wenig Einkommen: Feldarbeiter nahe der serbischen Stadt Leskovac (19.4.2012)

Ein Handelskrieg auf dem Balkan ist vorerst abgewendet. Am Donnerstag hat das kroatische Landwirtschaftsministerium bekanntgeben, die Einfuhrgebühren für Obst und Gemüse wieder auf den alten Wert von zwölf Euro pro Ladung zu senken. Seit Anfang August hatte Zagreb neue Bestimmungen erlassen: 270 Euro sollten an der Grenze bezahlt werden. Begründet wurde dieser Schritt mit der notwendigen phytosanitären Untersuchung, also der Inspektion, ob die Pflanzen auch gesund sind.

Von der Importbeschränkung waren vor allem Landwirte und Händler aus Serbien, Bosnien und Herzegowina, Montenegro, Mazedonien und Albanien betroffen. Die jeweiligen Regierungen sehen in dem Schritt Kroatiens eine »einseitige« Maßnahme, die ihrer Volkswirtschaften benachteiligen sollte.

Vor allem in Belgrad schlugen die Wellen hoch. Die serbische Ministerpräsidentin Ana Brnabic kündigte an, dass man zwar »konstruktiv« bleiben werde, aber wenn notwendig auch auf Gegenmaßnahmen zurückgreifen, um die eigenen Landwirte und Exporteure zu schützen.

Ein erster Schritt waren in die Länge gezogene Kontrollen an der Grenze zu Bosnien und Serbien für kroatische Einfuhren. Diese dürften, auch wegen der anhaltenden Sommerhitze, die zur Zeit in den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens herrscht, dazu beigetragen haben, dass Zagreb nun zurückruderte. Aus Belgrad hieß es deswegen am Donnerstag, ab dem heutigen Freitag solle auch die verlangsamten Grenzabfertigungen wieder auf Normaltempo angehoben werden.

In seltener Eintracht trafen sich am Montag in Sarajevo verschiedene Minister aus Serbien, Bosnien, Montenegro und Mazedonien. Sie forderten anschließend Kroatien auf, die als Strafmaßnahme empfundene Gebührensteigerung bis zum Ende dieser Woche zurückzunehmen. Außerdem riefen sie die Europäische Union auf, Kroatien zur Ordnung zu rufen, weil durch die kroatische Maßnahme die mit Brüssel ausgehandelten Assoziierungsabkommen in Frage gestellt werde.

Zagreb hatte seinen neuen Einfuhrgebühren damit begründet, dass damit »effizientere Kontrollen der Ladungen an den Grenzen« ermöglicht werden. Diese dienten jedoch lediglich dem Schutz der einheimischen Verbraucher und Landwirte vor ausländischen Exporten.

Außerdem, so war vom kroatischen Landwirtschaftsminister Tomislav Tolusic am Wochenende zu hören, seien von diesen Maßnahmen insgesamt 168 Länder betroffen, von einem einseitigen Schritt könne somit keine Rede sein. Dass die wenigsten von diesen Obst oder Gemüse nach ­Kroatien importieren, dürfte Tolusic bekannt sein, ebenso, dass sein Land in diesem Bereich mit Serbien, Bosnien und Mazedonien erheblich Handel treibt.

Die Staaten des ehemaligen Jugoslawiens sind darauf angewiesen, ihre Produkte in die Nachbarländer zu exportieren, denn zum einen sind die einheimischen Märkte zu klein, um eine eigene Produktion zu betreiben. Zum andere bestehen seit dem ­Sozialismus gegenseitige wirtschaftliche Abhängigkeiten und Verflechtungen, die auch nach der kriegerischen Zerschlagung des gemeinsamen Landes nicht vollständig aufgehoben wurden. Deswegen sei es notwendig einen freien Handel zu ermöglichen, betonte der serbische Handelsminister Rasim Ljajic gegenüber der Nachrichtenagentur Beta.

Schon seit längerem wird vor allem in wirtschaftswissenschaftlichen Kreisen von einem gemeinsamen Markt der Länder des ehemaligen Jugoslawiens debattiert. Der britische Journalist Tim Judah hatte 2009 in einem Artikel für die Zeitschrift The Economist den Begriff »Jugosphäre« geprägt, um den gemeinsamen Wirtschaftsraum zu benennen. Doch trotz der langen Wirtschaftsbeziehungen zwischen den Staaten, sind diese durch Abhängigkeiten und Konkurrenz gekennzeichnet, bei denen – wie auch beim jüngsten Handelsstreit deutlich wurde – die nördlichen EU-Staaten den ärmeren im Süden die Bedingungen des Austausches vorschreiben können.

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