Aus: Ausgabe vom 18.07.2017, Seite 8 / Ansichten

Volksaufklärer des Tages: TV Globo

Von Peter Steiniger
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Schmonzetten, Ballspiele und nicht zuletzt Verbrecherjagden: TV Globo enttäuscht sein Publikum nicht. Am Montag gab der brasilianische Sender mit der größten Reichweite bekannt, dass er am 2. August ein Kriminalstück aus dem Kongress live auf die Mattscheiben bringen wird. An diesem Tag soll dessen Deputiertenkammer darüber entscheiden, ob Präsident Michel Temer der Prozess gemacht werden darf. Der Generalstaatsanwalt hat diesen wegen Korruption angeklagt. Temers Geldbote wurde geschnappt, der heimliche Mitschnitt eines Gesprächs des Staatschefs mit dem JBS-Konzernboss lässt wenig Interpretationsraum. Ob Primetime oder nicht: Sobald der erste der 513 Abgeordneten zur namentlichen Abstimmung schreitet, werden die bei Globo laufenden Sendungen gekappt, wird das scharfe Auge der vierten Gewalt jeden Volksvertreter ins Visier nehmen. Mehr als ein Drittel der Stimmen braucht der Mann, der ohne Hosen dasteht, um sein Fell zu retten.

Während der zivil-militärischen Diktatur (1964–1985) mit deren Hilfe strategisch ausgebaut, ist der Einfluss des vom Marinho-Familienclan beherrschten Medienmultis Rede Globo, zu dem der Sender zählt, nach wie vor beträchtlich. Seine Nachrichtensendung Jornal Nacional setzt die das politische Geschehen bestimmenden Themen. Bei Globo dürfen die Brasilianer nun Temers Schicksalsstunde direkt miterleben. Ausgerechnet dank Globo, das die Proteste gegen die Arbeiterpartei und den parlamentarischen Putsch mitinszenierte, haben sie überhaupt erst diesen Präsidenten. Und weil sich etliche der Abgeordneten, die sich bei der Abstimmung über das Verfahren zur Amtsenthebung von Dilma Rousseff am 17. April 2016 als Vorkämpfer gegen die Korruption aufführten, ihre Stimme etwas kosten ließen. Temer ist mit Pöstchen und Moneten bereits auf Einkaufstour. Rede Globo hat eigene Pläne. Das Publikum erwartet ein neues Fest der Heuchelei.

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