Aus: Ausgabe vom 18.07.2017, Seite 5 / Inland

Reserven für die Reichen

Die deutsche Wirtschaft wächst, doch nur wenige profitieren davon

Von Susan Bonath
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So klar wie auf diesem Blatt Papier wird der Zusammenhang von Armut und Reichtum eher selten benannt

Die soziale Schere klafft weiter auseinander. Auf der einen Seite wächst die Armut, auf der anderen sprudeln die Profite. »Die deutsche Wirtschaft bricht das Tempolimit«, jubeln Ökonomen unisono und erhöhen ihre Wachstums­prognosen für 2017. Darüber berichtete Die Welt am Montag.

Am Freitag sei das britische Wirtschaftsforschungsinstitut »Oxford Economics« in den Chor des Freudentaumels um das deutsche »Wirtschaftswunder« eingestiegen: Deren Deutschlandexperte Ben May erwarte nunmehr ein ökonomisches Wachstum von 2,3 Prozent. Jörg Krämer, Chefökonom der Commerzbank, hielt auf Anfrage die Prognosen für »hoch, aber nicht unplausibel«. Die Bundesregierung dürfte das freuen: In ihrem Jahreswirtschaftsbericht vom Januar 2017 hatte sie noch ein Wachstumsplus von 1,4 Prozent veranschlagt.

Die Prognosen der Wirtschaftslobby reihen sich nahtlos in die Wachstums-Statistik der vergangenen Jahre ein. 2016 stieg das deutsche Bruttoinlandsprodukts um 1,8 Prozent. Zwischen 1991 und 2014 hat sich dieses mehr als verdoppelt. Vierteljährlich überbieten sich die Forscher mit neuen Rekorden. Erst im Mai hatte das Statistische Bundesamt Exportüberschüsse in nie dagewesener Höhe gemeldet (jW berichtete). Das rief auch Kritiker auf den Plan, etwa die Gewerkschaften. Mit einem aggressiven Geschäftsmodell aus Lohndumping und Sozialabbau zwinge Deutschland ausländische Handelspartner ins Minus. Dies sei ein Motor für die wachsende soziale Ungleichheit im Inland, der Europäischen Union und auch global.

Laut Ökonomen stieg der durchschnittliche Bruttolohn in Deutschland im vorigen Jahr zwar stärker als die Preise. Der Konsum im Inland ist allerdings demnach gesunken. Das lässt vermuten, der Anstieg betrifft offenbar vor allem Spitzengehälter. Eine wachsende Masse profitiert vom Aufschwung nicht. Im Gegenteil: Dem im Frühjahr vorgestellten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung zufolge stand 40 Prozent der Beschäftigten im unteren und mittleren Einkommensbereich im Jahr 2015 real weniger Lohn zur Verfügung als 20 Jahre zuvor. Fast ein Sechstel der bundesdeutschen Bevölkerung lebt inzwischen an der Armutsgrenze. Das sind mehr als 13 Millionen Menschen.

Erst vor zwei Wochen warnte das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung, dass mehr und mehr Beschäftigte von wachsender Armut betroffen sind (jW berichtete). Zwischen 2004 und 2014 habe sich die Zahl der Betroffenen auf vier Millionen verdoppelt. Atypische und Teilzeitverträge sowie teils verstecktes Lohndumping seien Gründe dafür. Eine ähnliche Entwicklung verraten die Statistiken der Bundesagentur für Arbeit: 2,8 der 4,43 Millionen erwerbsfähigen Hartz-IV-Berechtigten sind gar nicht arbeitslos. Mit Sanktionen traktiert werden sie trotzdem. Dieser Strafpraxis gaben die WSI-Forscher eine große Mitschuld am wachsenden Niedriglohnsektor. Mit der Androhung des Entzugs der Existenzgrundlage würden Erwerbslose in zuhauf in diese Jobs gezwungen.

Dem Oxford-Experten May ist das durchaus aufgefallen. Angesichts der niedrigen Arbeitslosenquote sei eine »viel ausgeprägtere Lohndynamik zu erwarten«, zitierte ihn Die Welt. Was er dann sagt, lässt nichts Gutes hoffen: Dies zeuge von weit »höheren Reserven auf dem deutschen Arbeitsmarkt, als gedacht«.

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