Aus: Ausgabe vom 18.07.2017, Seite 5 / Inland

Umkämpfte Arbeitszeit

Metall-Unternehmer sind beunruhigt, weil IG Metall laut über eine Verkürzung inklusive Lohnausgleich nachdenkt

Von Stefan Thiel
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Wird in der IG Metall zumindest wieder diskutiert: Mehr Selbstbestimmung bei der Arbeitszeit

Weniger arbeiten und trotzdem den gleichen Lohn bekommen? Was sich für viele Beschäftigte nach einer sinnvollen Maßnahme anhört, ist für die Unternehmer in der Metall- und Elektroindustrie offenbar keine schöne Vorstellung. Auf die Forderung der IG Metall nach einer temporären Einführung der 28-Stunden-Woche reagiert man entsprechend empfindlich: »Das kann sich niemand wünschen. Wenn wir von 35 auf 28 Wochenstunden gingen, würden wir den Fachkräftemangel in unverantwortlicher Weise verschärfen«, empörte sich der Präsident des Unternehmerverbandes Gesamtmetall, Rainer Dulger, am Montag im Handelsblatt. »Das zerschlägt nicht nur nachhaltig unseren wirtschaftlichen Erfolg, wir würden auch eine massive Tarifflucht erleben«, so Dulger weiter.

Auch Arbeitsplatzverlagerungen ins Ausland werden von dem Unternehmer, seines Zeichens auch Vizepräsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), als Drohkulisse aufgebaut: Diese würden bei einer weiteren Arbeitszeitverkürzung nötig, »weil die Arbeit hierzulande gar nicht mehr erledigt werden könnte.« Das habe sich schließlich schon bei der Einführung der 35-Stunden-Woche gezeigt. Tarifflucht, Automatisierung und Auslagerungen seien damals die Folge gewesen. Zwischen 1984 und 1995 war es der IG Metall gegen den Widerstand der Unternehmer gelungen, die tarifvertragliche Wochenarbeitszeit in der westdeutschen Metall- und Elektroindustrie schrittweise von 40 auf 35 Stunden zu reduzieren. Ein Streik für die 35-Stunden-Woche im Osten hingegen scheiterte im Jahr 2003. Dort werden in der Branche bis heute 38 Stunden pro Woche gearbeitet.

Ende Juni hatte die IG Metall auf einer Konferenz in Mannheim ihre arbeitszeitpolitischen Forderungen für die im Herbst anstehende Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie diskutiert. Bereits Anfang des Jahres hatte die Gewerkschaft eine bundesweite Beschäftigtenbefragung durchgeführt. Daran hatten sich über 680.000 Arbeiter und Angestellte beteiligt und ihre Erwartungen in Sachen Arbeitszeitgestaltung formuliert. Für die große Mehrheit der Beschäftigten bleibe die 35-Stunden-Woche die Wunscharbeitszeit, resümierte der Vorsitzende der IG Metall, Jörg Hofmann, die Umfrageergebnisse in einer Mitteilung zur Mannheimer Konferenz. Ginge es nach den Mitarbeitern, stünde eine bessere Vereinbarkeit von Arbeit und Leben ganz oben auf der Prioritätenliste: »Es geht um das Wahlrecht, die Arbeitszeit temporär zu verkürzen – etwa auf 28 Stunden, wenn Beschäftigte es wollen. Verbunden mit einem Rückkehrrecht auf die 35-Stunden-Woche«, so Hofmann. Nach den vorläufigen Überlegungen der Gewerkschaft sollen Beschäftigte die auf 28 Stunden verkürzte Wochenarbeitszeit bei Bedarf für maximal zwei Jahre in Anspruch nehmen können. Wer seine Arbeitszeit beispielsweise wegen der Kinderbetreuung oder der Pflege von Angehörigen reduzieren möchte, soll hierfür einen Lohnausgleich bekommen. »Wir wollen diesen Entgeltausgleich als eine zeitgemäße Sozialleistung tariflich regeln, weil Zeit für Kinder und Pflege gesellschaftlich notwendig ist«, begründete der Gewerkschafts­chef den Vorschlag. Die konkrete Forderung für die Tarifauseinandersetzung will die IG Metall erst im Herbst beschließen.

Unternehmervertreter Dulger warnte den IG-Metall-Vorsitzenden am Montag davor, die Manteltarifverträge »nur« zur Durchsetzung der arbeitszeitpolitischen Forderungen aufzukündigen. Hofmann würde damit »die Büchse der Pandora« öffnen. Sollte die Gewerkschaft dies tun, entstünde »ein unbeherrschbarer Prozess«. Einer konkreten bundesweiten Forderung der IG Metall stünden dann in jedem Tarifbezirk »andersgeartete Gegenforderungen der Arbeitgeber« gegenüber. Im Prinzip habe Gesamtmetall aber kein Problem mit einer Diskussion zum Thema Arbeitszeit: »Wir können gerne eine Flexibilisierungsdebatte führen. Aber natürlich in beide Richtungen«, so Dulger. Selbst die IG-Metall-Befragung habe ergeben, dass ein Drittel der Beschäftigten länger arbeiten möchte. In welche Richtung die Arbeitszeiten letztlich flexibilisiert werden, wird sich dann im Herbst zeigen – und was von den IG-Metall-Forderungen übrig bleibt.

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