Aus: Ausgabe vom 17.07.2017, Seite 16 / Sport

Für die (bizarre) Statistik

Eher trostlos: Garbine Muguruza hat Wimbledon gewonnen.

Von Peer Schmitt
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Die bessere Quote beim Service? Muguruza (r.) kann es kaum glauben

Das Damenendspiel in Wimbledon eröffnete Venus Williams mit einem As. Beim zweiten Punkt schlug sie eine relativ leichte Vorhand ins Netz. Beim dritten Punkt beging dann nach kurzem Ballwechsel ihre Gegnerin Garbine Muguruza einen leichten Fehler. Lediglich drei Punkte waren gespielt und schon hatte man fast alles gesehen, was in diesem Wimbledonfinale wesentlich war: Wer hat eine bessere Quote beim Service und wessen Vorhand ist im entscheidenden Moment ein wenig weniger fehleranfällig?

Muguruza schlug im Match zwei Gewinnschläge mit der Vorhand und beging auf der Vorhandseite insgesamt 13 Fehler, sieben davon unerzwungen. Williams: acht Vorhandwinner, 19 Vorhandfehler, zehn davon unerzwungen. Eine für beide nicht unbedingt überragende Statistik. Ein deutlicher Unterschied zeigt sich dann aber beim Service. Williams schlug zwar im Schnitt wesentlich schneller auf als ihre Gegnerin. Beide hatten mit 71 Prozent die identische (und ziemlich hohe) Quote der ersten Aufschläge im Feld. Muguruza machte dabei zu 77 Prozent den Punkt, Williams nur bei 61 Prozent. Noch deutlicher der Unterschied beim zweitem Service. Muguruza gewann solide 50 Prozent der Punkte, Williams lediglich 33 Prozent – der Schlüssel zu ihrer Niederlage. Muguruza returnierte schlicht wesentlich besser. Oft genug war dabei allerdings der pure Zufall mit im Spiel. Zahlreiche ihrer unsauber getroffenen Returns landeten glücklich tief im Feld.

Muguruza spielt eine »spanische« – d.h. defensivstärkere – Variante des technisch nicht immer sauberen Prügeltennis im Scharapowa-Stil. Es war bei desolaten, relativ langsamen Platzverhältnissen in diesem Jahr auch in Wimbledon erfolgversprechend.

Die Entscheidung in diesem Finale fiel früh. Williams hatte sich bei 5:4, Aufschlag Muguruza zwei Satzbälle erspielt. Es folgte ein brutaler Ballwechsel mit 19 Schlägen, bevor Williams eine Vorhand ins Netz schlug. Den zweiten Satzball wehrte Muguruza mit einem Service Winner ab. Frustiert verlor Williams direkt danach auch ihr eigenes Aufschlagspiel, das erste Service Break des Finales, verursacht von was sonst als einem weiteren Vorhandfehler. Was daraufhin folgte, war eine recht trostlose Angelegenheit.Williams gewann kein einziges Game mehr. Die 37jährige hatte praktisch nach Verlust des ersten Satzes schon aufgegeben: 7:5, 6:0 und der erste Wimbledon-Titel für die Spanierin, die im Oktober 24 Jahre alt wird und vor zwei Jahren Venus jüngerer Schwester Serena im Wimbledon-Finale noch unterlegen war.

Das faktische Endspiel des diesjährigen Turniers war wohl die Begegnung zwischen Muguruza und der an Nummer 1 gesetzten Angelique Kerber in der vierten Runde, in der Muguruza ihren einzigen Satz im gesamten Turnierverlauf verloren hatte. Ihr Sieg in diesem Match bedeutete zugleich auch das vorläufige Ende der ziemlich unorthodoxen Kerber-Ära.

Wer jedoch denkt, Muguruzas Karrierestatistiken seien weniger auffällig eigenartig als die der fünf Jahre älteren Kerber, sieht sich getäuscht. Denn Muguruza hat in ihrer Karriere insgesamt bisher erst vier Titel gewonnen: 2014 in Hobart (International, niedrigste WTA-Kategorie), 2015 in Beijing (höchste WTA-Kategorie), dazu jedoch bereits zwei Majors – im letzten Jahr die French Open gegen Serena Williams und nun Wimbledon gegen Venus Williams. Zwischen diesen beiden Turnieren – mehr als 52 Wochen also - stand sie bei keinem Turnier auch nur im Finale.

Die Ergebnisse der WTA-Rasensaison erwiesen sich in Wimbledon einmal mehr (zur vermutlichen Verzweiflung der Buchmacher) als praktisch bedeutungslos. Keine einzige Titelträgerin bei den Vorbereitungsturnieren - Petra Kvitova (Birmingham), Karolina Pliskova (Eastbourne), Donna Vekic (Nottingham), Anett Kontaveit (s'Hertogenbosch), Anastasija Sevastova (Mallorca) - erreichte in Wimbledon auch nur die vierte Runde.

Muguruzas relative Erfolglosigkeit auf der regulären WTA-Tour kontrastiert mit Triumphen bei den Majors ist wiederum kein Einzelfall. Schließlich stand auch Venus Williams zwar bereits bei den letzten Australian Open schon im Finale (das sie gegen Schwester Serena verlor), jedoch seit gut einem Jahr in keinem WTA-Finale mehr. Und mehr noch, keine der vier aktuell amtierenden Major-Siegerinnen – Kerber, Serena Williams, Jelena Ostapenko und nun Muguruza hält derzeit auch nur einen einzigen WTA-Titel. Eine bizarre Statistik.

Das Kontrastprogramm dazu liefert,die seit heute neue Weltrangliste Karolina Pliskova, die zwar noch nie in ihrer Karriere ein Major gewinnen konnte, dafür aber aktuell gleich vier WTA-Titel hält (einen der ersten, drei der zweiten Kategorie). Die Ausnahme ist anscheinend derzeit wirklich die Regel im Damentennis.

Muguruza gelang es, ihrer Interminstrainerin Conchita Martinez nachzueifern, in dem sie mit überlegener Athletik und Geknüppel, eine im Prinzip bessere, aber wesentlich ältere Rasenspielerin förmlich überwältigte. Martinez hatte im Wimbledon-Finale 1994 eine ebenfalls bereits 37jährige Martina Navratilova geschlagen. Sie hatte weder davor noch danach je ein Rasenturnier gewonnen.

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