Aus: Ausgabe vom 15.07.2017, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Drang zum Schießbefehl

Von Arnold Schölzel

Etwas wirr ging es im deutschen Konservatismus seit jeher zu. Ihm fehlte lange ein echtes Reich, zu dem es zurückgehen sollte, Hitler erfüllte nicht alle Hoffnungen. Aber auf einiges war Verlass: Man ritt wie Josef Neckermann, der Profiteur von »Arisierungen«, mit steifem Rücken für Deutschland, ehrte die Obrigkeit, die man selbst verkörperte, züchtete Untertanen, die zum Erschossenwerden willig waren, und nahm sich am britischen Adel ein Beispiel, etwa an dessen Prinzip »steife Oberlippe«. Man erklärt nichts und jammert auch nicht, schon gar nicht, wenn man zwei Weltkriege und seit 1990 wieder jede Menge Feldzüge auf dem Kerbholz hat.

Seit dem Hamburger G-20-Gipfel aber ist es, so scheint’s, um den deutschen Konservativen geschehen, keine Contenance mehr – siehe FAZ. Dem Blatt galt bislang Angela Merkel als Alleinschuldige am Niedergang von Ehe, Atomkraft und biologischer Reinheit der Deutschen, nun stellt sich heraus: Schuld ist ein alter Bekannter – der Linksextremist. In seiner gegenwärtigen Gestalt handelt es sich nicht mehr um den bolschewistischen Unterwanderkommunisten, der 1941 ein Fall für den verbrecherischen Kommissarbefehl von Adolf-Nazi war (Politoffiziere der Roten Armee nach Gefangennahme sofort »zu erledigen«) oder wenigstens 1972 einer für »Radikalenerlass« und Berufsverbot made by Willy Brandt. Nein, der hier zeigt das Ende aller Tage an. »Willkommen in der Hölle«, titelte jedenfalls FAZ-Innenpolitikchef Jasper von Altenbockum bereits am Gipfelsonnabend und verlor für eine Woche die Haltung. An jenem Tag verkündete er: »Monate vorher wird der ›Krieg‹ geplant und geübt, der sich am Ort des Geschehens dann abspielen soll.« Da seien »die Kriminellen, es ist das Gift der ›Roten Flora‹ und der sie hofierenden Schickeria«, die angeblich »der Regierung« irgend etwas aufzwingen, obwohl – ließe sich ergänzen – die doch alle Hände voll zu tun hat, mit Bomben, Düsenjägern, Panzern und Sturmgewehren Afghanen, Irakern, Syrern oder Bewohnern von Mali oder Somalia alles mögliche aufzuzwingen. Aber die Apokalypse sind für von Altenbockum nicht Angriffskriege in einem vermeintlich völkerrechtsfreien Raum, sondern das »Experimentierfeld der Lücken«, »die linksextremistische Protestgier oder rechtsextremistische Wühlarbeit in der deutschen Strafverfolgung finden«. Das ist, höflich gesagt, reichlich experimentell formuliert, aber die Gleichsetzung von Protestgier mit Wühlarbeit, mit der offenbar auch die über 150 Morde gemeint sind, die Neonazis oft mit Hilfe von Geheimdiensten, Polizei und Justiz seit 1990 verübt haben, hat schon etwas.

Diesem Präludium ließ der FAZ-Redakteur am Montag die Fuge folgen: »Kapitulation des Staates« war sein fast sakraler Text überschrieben. Das Ende Deutschlands scheint vollzogen, auch wenn hier nicht von Islamisten die Rede war oder von Zuwanderern. Vollstreckt haben sollen es Organe der Rechtspflege. Die waren dem Konservativen mal heilig. Für von Altenbockum sind aber die Deutschlandabschaffer »der sogenannte Rechtsanwalt der ›Roten Flora‹, also der Kommandozentrale linker Marodeure«, und der »›anwaltliche Notdienst‹ der Linksextremisten, die Rechtsverdreher also, die noch während der Ausschreitungen der Polizei in den Rücken fallen (...), forderte einen Untersuchungsausschuss«. Schön, dass wenigstens ein deutscher Herrenreiter mal sagt, was er bei solcher Gelegenheit von Rechtsinstitutionen hält. Nichts.

Wer in anderen Ländern jahrzehntelang Mörder in Uniform marodieren lässt, den übermannt es irgendwann, die endlich auch im eigenen Beritt loslassen zu dürfen. In Hamburg hat man die Waffen des Militärs »nur« vorgezeigt. Bei Altenbockums Kommentaren der vergangenen Woche aber hatte man schon den Eindruck, sie seien ein einziges Drängen auf den Schießbefehl hierzulande – die planmäßige Fortsetzung der Hamburger Bürgerkriegsübung mit publizistischen Mitteln.

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