Aus: Ausgabe vom 14.07.2017, Seite 2 / Inland

»In der Mehrzahl würden Minijobs entstehen«

Debatte über Bau eines ­Outlet-Centers ist in Duisburg neu entflammt. Befürworter argumentieren mit Arbeitsplätzen. Gespräch mit Sylvia Brennemann

Interview: Markus Bernhardt
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Auf dem ehemaligen Güterbahnhof Areal in Duisburg könnte nach Plänen eines Investors ein Outlet-Center entstehen

Sie haben in den vergangenen Jahren gemeinsam mit der »Bürgerinitiative Zinkhüttenplatz« gegen das »Factory Outlet Center«, FOC, in Duisburg gekämpft. Nachdem Sie damit erfolgreich waren und letztes Jahr das Aus dieses vielkritisierten Großprojektes beschlossen wurde, fängt die Auseinandersetzung nun von vorne an. So sollen die Duisburger am 24. September über den Bau eines Outlet-Centers abstimmen. Sie sind erneut dagegen, warum?

Im Kampf um die Zinkhüttensiedlung war es unser Hauptanliegen, die Verdrängung der Menschen am Zinkhüttenplatz und den Abriss der Siedlung zu verhindern. Darüber hinaus haben wir jedoch stets eine lange Kette von Argumenten gegen den Bau des FOC vorgebracht. Diese Argumente haben für die neuerlichen Pläne weiterhin Bestand. Wer eine zukunftsorientierte Stadtentwicklung betreiben möchte, kann unmöglich auf einem XXL-Einkaufszentrum bestehen.

Das neue Outlet-Center soll ausgerechnet auf dem Gelände des ehemaligen Duisburger Güterbahnhofs gebaut werden, wo sich 2010 die Loveparade-Katastrophe ereignete, bei der 21 Menschen ums Leben kamen. Wie bewerten Sie diesen Umstand?

Die Investorensuche für dieses recht große Areal scheint sich sehr schwierig zu gestalten. Pläne für ein Möbelcenter waren zuvor gescheitert. Warum kann es nicht möglich sein, zumindest einen Teil davon in eine Grünfläche umzuwidmen? Dabei könnte man die Angehörigen der damaligen Opfer einbeziehen und die Geschichte dieses Ortes aufarbeiten.

Duisburgs Oberbürgermeister Sören Link, SPD, hat den Bau des Outlets als »Chance für die Stadt« bezeichnet. Wird das Zentrum gebaut, sollen dort neue Arbeitsplätze entstehen. Hat er also recht?

Es gibt genau zu der Frage etliche Studien, die die Entwicklung von Outlets etwa in England betrachten. Ein in einem FOC entstandener Job, sei es ein Minijob oder eine Vollzeitstelle, zerstört demnach sechs Vollzeitstellen im näheren Umfeld eines Zentrums. Damit wäre also niemandem geholfen. Zudem bemängeln Gewerkschaften, dass in Outlets in der Mehrzahl Minijobs und Jobs im Niedriglohnsektor entstehen.

Sie haben kürzlich in einer Stellungnahme kritisiert, dass die neuen Outlet-Pläne von den wirklichen Problemen der Stadt ablenken. Welche wären das?

Duisburg hat ein wachsendes Armutsproblem, das es zu bekämpfen gilt. Einigen tausend Menschen wird nach wie vor der Zugang zu existentiellen staatlichen Leistungen erschwert oder gar verweigert. In Duisburg leben etwa 16.000 Menschen ohne den Schutz einer Krankenversicherung. Die Behausungen, in denen sie gezwungen sind zu leben, haben zu einem großen Teil die Bezeichnung Wohnung nicht verdient. Der Zugang zu Bildungsangeboten wird erschwert, da es schlicht zuwenig Kindergartenplätze und Schulplätze gibt. Das sind die wirklichen Probleme, die vor allem in den betroffenen Gebieten, sogenannten Stadtteilen mit Erneuerungsbedarf, wie Marxloh für deutlich schlechte Stimmung sorgen. Das spiegelt sich letztlich auch in den hohen Wahlergebnissen der AfD wider.

Sehen Sie Möglichkeiten, diesbezüglich Einfluss auf die Kommunalpolitik zu nehmen, oder kann ein Neuanfang nur ohne Oberbürgermeister Link gelingen?

Man darf nicht müde werden, auf die bestehenden Missstände hinzuweisen und dabei die Belange und Bedürfnisse der Menschen wahrzunehmen. Die derzeitige menschenverachtende Politik gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen, wie Flüchtlinge und Roma-Familien, muss gestoppt werden. Es ist zwingend erforderlich, allen in Duisburg Lebenden die gleichen Rechte zu gewähren. Verdrängung und Ausgrenzung haben in einer lebenswerten Stadt keine Berechtigung. Menschenwürdiger, bezahlbarer Wohnraum muss geschaffen werden, ebenso Bildungseinrichtungen. Kurz: Eine Stadt darf nicht wie ein Konzern geführt werden.

Sylvia Brennemann ist Sprecherin des »Duisburger Netzwerkes gegen rechts« und engagiert sich in verschiedenen sozialen Projekten, unter anderem gegen Gentrifizierung und in der Flüchtlingsarbeit

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