Aus: Ausgabe vom 10.07.2017, Seite 7 / Ausland

»Gott hat mich hingesetzt«

Suriname: Staatsanwaltschaft fordert lange Haftstrafe für Präsident und Exdiktator Bouterse. Dieser beharrt auf seinem Amt

Von Gerrit Hoekman
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Proteste gegen Surinames Präsidenten Desi Bouterse im Mai 2016 in Paramaribo

Damit hat kaum noch jemand in Suriname gerechnet: Die Staatsanwaltschaft forderte am 28. Juni in ihrer Anklageschrift 20 Jahre Haft für Desi Bouterse, seit 2010 gewählter Präsident der ehemaligen niederländischen Kolonie in Südamerika. Sie hält es für bewiesen, dass Bouterse als Chef der damals herrschenden Junta 1982 an den sogenannten Dezembermorden beteiligt war, bei denen 15 Gegner des Regimes in einer Nacht- und Nebelaktion erst gefoltert und dann erschossen wurden.

Zehn Jahre dauert der Prozess vor dem Krijgsraad, dem höchsten Militärgericht, nun schon. Desi Bouterse hat es immer wieder verstanden, das Verfahren zu verzögern. Mit seiner Nationale Democratische Partij (NDP) peitschte er als Präsident 2012 ein Amnestiegesetz durchs Parlament, das ihn und seine Mittäter vor Strafe schützen soll. »Dieses Gesetz dient dazu, die ganze Nation zu heilen«, erklärte Bouterse. Erst im letzten Februar ordnete er kraft seines Amtes als Staatsoberhaupt an, den Prozess einzustellen – er gefährde die innere Sicherheit des Landes.

Das Militärgericht hält das Amnestiegesetz in der aktuellen Strafsache für ungültig. Richterin Cynthia Valstein-Montnor will den Prozess zu einem Urteil führen. »Streng. Furchtlos. Tapfer. Unabhängig«, urteilt die niederländische Tageszeitung Trouw über die Juristin, die in Utrecht und Amsterdam studiert hat. Das Verfahren gegen Bouterse und 24 weitere Angeklagte soll ihr Meisterstück werden und endlich juristisch mit einem finsteren Kapitel der surinamesischen Geschichte abschließen. Nachdem der Oberste Gerichtshof in Suriname das Amnestiegesetz für ungültig erklärte, ist der Weg nun frei.

Mit anderen jungen Unteroffizieren putschte sich Desi Bouterse 1980 an die Macht. Die als »Gruppe der 16« bekannten Verschwörer setzten die gewählte Regierung von Henck Arron ab und errichteten eine Militärdiktatur. Bouterse wurde ihr Oberbefehlshaber. In der Bevölkerung regte sich allerdings Widerstand gegen den Coup d’État. Die Studenten gingen auf die Straße, die Gewerkschaften riefen zum Generalstreik auf. Suriname hatte sich erst fünf Jahre zuvor vom niederländischen Königreich losgesagt und war Republik geworden.

Als im März 1982 ein Gegenputsch scheiterte, holte die Diktatur zum Schlag gegen die Opposition aus. Zwischen dem 8. und 9. Dezember brachte das Regime 15 politische Gegner ins Fort Zeelandia. Die alte Festung der niederländischen Kolonialherren in der Hauptstadt Paramaribo diente der Junta als Hauptquartier und Kerker. Zu den Festgenommenen gehörten Anwälte, Offiziere, Journalisten und Gewerkschaftsführer.

Einige von ihnen hatten das Regime am Anfang unterstützt und sich dann abgewandt. Der frühere Kapitän und Trainer der surinamischen Fußballnationalmannschaft André Kamperveen hatte dem Regime beispielsweise als Sportminister gedient. Andere standen der Junta von Anfang an kritisch gegenüber, wie Edmund Host, der Justizminister der letzten zivilen Regierung. Oder Bram Behr, der wenige Monate zuvor die Kommunistische Partei von Suriname gegründet hatte.

Die Staatsanwaltschaft kann jetzt mit mehreren Zeugen aufwarten, die das Blutbad miterlebt haben wollen, berichtet das surinamische Nachrichtenportal Waterkant. Einer von ihnen, der alte Kampfgefährte Ruben Rozendaal, will gesehen haben, wie der Diktator eigenhändig zwei Oppositionelle erschoss.

Mord, Korruption, Bereicherung, Drogen und Waffenhandel – es gibt kaum ein Verbrechen, mit dem Bouterse nicht in Verbindung gebracht wird. In den Niederlanden wurde er 1999 in Abwesenheit zu elf Jahren Gefängnis verurteilt, weil er als Pate des sogenannten »Surikartels« hinter dem Schmuggel von 474 Kilo Kokain stecken soll. Es liegt seitdem ein internationaler Haftbefehl gegen ihn vor, doch als Präsident genießt er Immunität. Vor einigen Jahren wurde bekannt, dass die Niederlande 1986 mit einer Invasion in Suriname liebäugelten, um die Militärdiktatur zu beenden. Doch der damalige Ministerpräsident Ruud Lubbers scheute am Ende das Risiko.

Die surinamischen Medien fragen sich, wie Bouterse reagieren wird, falls er tatsächlich verurteilt wird. Manche fürchten, er könnte einen neuen Bürgerkrieg anzetteln wie zwischen 1986 und 1992. »Gott hat mich hier hingesetzt, kein Richter holt mich hier weg«, kündigte der Präsident laut der surinamischen Nachrichtenseite StarNews am 2. Juli schon seinen Widerstand an.

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