Aus: Ausgabe vom 20.06.2017, Seite 14 / Feuilleton

Nachschlag: Tristesse à la Kohl

Youtube versus deutsches Fernsehen

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Immer feste druff: In Halle an der Saale war Helmut Kohl 1991 kein gern gesehener Gast

Das BRD-Fernsehwochenende war wieder trist: Überall Helmut Kohl. Der war am Freitag gestorben. Ein Kollege wies mich darauf hin, dass die Industrial-Techno-Gang von Kranz bereits 1992 dieses Ereignis voraussagte: »Helmut Kohl ist tot«. So viel Weitsicht, so wenig kaltgestellter Sekt. Doch man muss die Feste feiern, wie sie fallen, ergo wurde eine Flasche Rotkäppchen geköpft – halbtrocken, versteht sich. In der Flimmerkiste wurde dem »Kanzler der Einheit« ordentlich einer nachgerufen. Fast konnte der Eindruck entstehen, dass früher alles besser war. War es natürlich nicht. Denn alles, was uns an täglichem Elend entgegenschlägt, hat eine Vorgeschichte in der »Ära Kohl«. Damals wurden übrigens auch noch Lieder indiziert. Zum Beispiel der Punks von Die Ärzte. Auf einer Platte hatten sie den ganzen Schmuddelkram zusammengesammelt. Da heißt es unter anderem: »Hannelores Tag ist grau, denn Helmut Kohl schlägt seine Frau«. Auch nicht schlecht: »Er ist ein Mann wie ich und du, und Helmut Kohl schlägt wieder zu.« Nun nicht mehr. (rz)

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