Aus: Ausgabe vom 20.06.2017, Seite 11 / Feuilleton

Friedhofshilfsgärtnern

Von Wiglaf Droste
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An einem Montagvormittag im Juni ging ich friedhofshilfgärtnern. Das könnte ich in dieser Jahreszeit jeden Tag tun: Blumen und andere Pflanzen besorgen, Erde und Pinienrinde, und dann auf dem Friedhof arbeiten. Grabpflege ist nachgetragene Liebe; das ist, wohl verstanden, nicht Aberglaube, Konvention oder demonstratives Verhalten für die Galerie, sondern das Festhalten an und das Aufrechterhalten einer innigen Verbindung.

Die konzentrierte Arbeit in der Stille und Ruhe des Friedhofs und der Anblick der Bäume und Blumen klären den Geist, und die Menschen, die hier wohnen, sind leise. Der Tod zeigt sein Sonntagsantlitz, er verlierte seinen Schrecken und macht das Leben schön, und inmitten all dessen zupft, rupft, pflanzt, grubbert und rindenmulcht man so herum und hält auch ein Schwätzchen mit den tiefer Gebetteten.

Einen älteren Herrn, den ich schon vor gut 40 Jahren kennenlernte – er war der Vater meiner ersten Freundin – und der Zeit seines langen Lebens vom großen Lottogewinn träumte, frage ich munter: »Na Walter, auch schön den Tipschein abgegeben?« Er antwortet nicht, denn wie so viele hier ist er in jenen Aggregatzustand des höflichen vornehmen Schweigens hinübergeglitten, in dem die meisten Menschen am zufriedensten und dementsprechend am angenehmsten sind.

Es hebt die Stimmung ungemein, / bei den stillen, freundlichen Toten zu sein, zuckt es mir fröhlich zwischen den Ohren herum, doch als ich die Schubkarre, auf der ich zwei Säcke Pinienrinde zum Grab transportiert hatte, zurückbringe, sehe ich auch Gräber von Menschen, die hierher verschleppt worden sind: Kinder, Jugendliche, sehr junge Erwachsene, Opfer von Unfällen und auch Ermordete; auf einem Grabmal steht zu lesen:

»Hier ruhen CZESLAW FILIPIAK. Pole. * 19.4. 1919 † 20.7. 1943. ALEX­ANDRA ZEPKOWA. Russin. * 22.3. 1920 † 3.12. 1944. UND SECHS UNBEKANNTE † 1.4 1945«.

Wenn man begriffen hat, was das ist, nämlich das letzte Zeugnis vom Leben Kriegsgefangener und sogenannter Fremdarbeiter, die durch Arbeit, Hunger und unerträgliche Lebensbedingungen bis in die letzte Kalorie noch ausgerechnet und ausgeklügelt vernichtet wurden, ahnt man, wie viele Generationen es noch brauchen wird, bis dieser mörderische Schatten verblasst ist. Einer von den »Was geht das mich an?«-Landsleute und Selbstexkulpierern will und kann ich niemals sein und bin es nicht, und so bleibt dem eben noch so gut gelaunten, durchheiterten Friedhofshilfsgärtner nur ein Zurück auf Anfang: die Liebe zu den Lebewesen und der Hass auf ihre Mörder.

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