Aus: Ausgabe vom 20.06.2017, Seite 8 / Ansichten

Der Pennäler-Präsident

Emmanuel Macron

Von Hansgeorg Hermann, Paris
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Was soll die Welt von ihm halten? Emmanuel Macron und Donald Trump in Sizilien: Mit dem US-amerikanischen Kollegen sorgt er vor einem Wald aus Fernsehkameras dafür, dass ein langer, heftiger Händedruck gefilmt wird, den er, der ehemalige Rothschild-Banker, gegen ihn, den früheren Immobilientycoon, angeblich für sich entschied. In den Medien zum männlichen Kampf unter heißer Sonne hochgeschrieben, bei Psychoanalytikern eher als Selbstdarstellung zweier seltsam unreifer Typen in höchsten Staatsämtern wahrgenommen. Vergleichbar mit dem aus Schulzeiten bekannten Messen der Penislänge pubertierender Halbwüchsiger.

Ein Mann, der sein Pennäler-Phantasma verwirklicht, indem er zum Beispiel seine scharfe Lehrerin heiratet, wurde in den Vorträgen eines Jacques Lacan zu den Tagträumern gerechnet. Zu jenen nicht unbedingt bedauernswerten Gestalten also, die dem »Imaginären« nachhängen, dem »Fiktiven«, und es bisweilen sogar zu realisieren versuchen. Die Frage stellt sich, ob der 39 Jahre junge Präsident Macron seine möglicherweise noch nicht vollendete persönliche Entwicklung nun im Pariser Präsidentenpalast Élysée abzuschließen gedenkt. Die Vorstellung, er könne mit einem Konglomerat unbekannter Abgeordneter regieren, die – aus allen Himmelsrichtungen herbeizitiert – wie er politisch »weder rechts noch links« einzuordnen wären, gibt den in der französischen Hauptstadt zahlreich vertretenen Meistern der Psychocouch schon seit Monaten schwer zu denken.

Wichtig ist, dass Jean-Luc Mélenchon, der neue linke Wortführer in der Nationalversammlung, dem realen Präsidenten schon mal ankündigte, wie dessen Alltag zumindest im Parlament aussehen wird: »Ich informiere die neue Macht«, sagte Mélenchon am Wahlabend, »dass wir keinen Meter Sozialrechte ohne Kampf preisgeben werden«. Die Warnung an den Staatschef, der seinen Einzug in den Palast an den Champs Élysées wie eine Krönungsmesse des höfischen Absolutismus inszenieren ließ, ist klar: Es muss auch in den kommenden fünf Jahren gestritten werden, »links und rechts« sind verschiedene Richtungen, dazwischen befindet sich Macrons Mitte. Die ist, folgt man der Definition der »optischen Mitte« aus der Wahrnehmungspsychologie, »ein Punkt, der leicht von der geometrischen Mitte eines Objektes abweicht und nur aufgrund einer optischen Täuschung als Mitte wahrgenommen wird«.

Den Traum der Griechen übrigens, die in ihm den Künder einer Zeitenwende in der europäischen Finanzpolitik zu erkennen glaubten, wird Macron wohl nicht in die Wirklichkeit umsetzen. Es ist nicht sein eigener, nicht jener Traum, den er einst im Bankengeschäft realisierte, indem er sich zum Millionär machte. Auch den Traum der Landsleute von einem mit guter Arbeit reich versorgten Frankreich hat er nie mitgeträumt. Die Gewerkschaftsführer wissen es, sie haben seit einer Woche den Entwurf eines neuen, den Bossen genehmen Arbeitsrechts auf dem Tisch.

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