Aus: Ausgabe vom 20.06.2017, Seite 3 / Schwerpunkt

»Man hat den Bewohnern nicht zugehört«

Über neoliberale Politik und unzureichende Brandschutzvorschriften. Ein Gespräch mit Paul Kershaw

Interview: Christian Bunke
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Ausgebrannter Wohnblock: Bei der Brandkatastrophe in North Kensington starben mindestens 79 Menschen

In Ihrer Arbeit sind Sie täglich mit Menschen in Kontakt, die in Londoner Sozialwohnungen leben. Wie waren deren Reaktionen auf die Brandkatastrophe am vergangenen Mittwoch?

Am Tag nach dem Feuer sind in ganz London zahlreiche Menschen auf unsere Gewerkschaftsmitglieder zugekommen. Es gibt große Angst. Und eine große Wut darüber, dass man den Bewohnern des Hauses nicht zugehört und das Feuer verhindert hat. Übrigens hat man den Menschen geraten, im Brandfall in ihren Wohnungen zu bleiben. Jene, die überlebt haben, sind sehr froh, sich nicht daran gehalten zu haben.

Ein Großteil der Wut scheint sich auf die Politiker zu richten. Was haben diese konkret zu verantworten?

Das Grenfell-Hochhaus wird im Auftrag der Stadtteilregierung von Kensington und Chelsea betrieben. Das ist eine der reichsten Gegenden Londons. Hier regieren die Konservativen. Die Bewohner haben wiederholt den Kontakt gesucht aufgrund schlechter Brandschutzmaßnahmen. Doch ihnen hat keiner zugehört. Statt dessen wurde die Außenfassade des Wohnblocks aufgehübscht. In Planungsdokumenten lässt sich nachlesen, dass es darum ging, den reichen Bewohnern der umliegenden Luxuswohnungen einen schöneren Anblick zu bieten. Viel kosten sollte die Renovierung des Turms aber nicht. Deshalb wurde die billigere, aber brandgefährliche Verkleidungsvariante gewählt. Die verantwortliche Firma hat jeden Hinweis auf ihre Mitwirkung an diesem Projekt inzwischen von ihrer Homepage genommen.

Der Zorn der Menschen richtet sich jedoch nicht nur gegen die Lokalpolitik, sondern auch gegen Premierministerin Theresa May, die dabei stellvertretend für die Regierungspolitik der vergangenen Jahre gemeint ist. Warum?

Im Parlament wurde wiederholt über die schlechte Sicherheitslage in britischen Sozialwohnungen debattiert. Es wurde aber nie eine Entscheidung getroffen, beziehungsweise wurde eine solche verschleppt. So rief 2009 nach einer Brandkatastrophe in Southwark eine Gruppe von Abgeordneten dringend zur Verbesserung des Brandschutzes auf. Nichts passierte. Erst im März hat ein ehemals führendes Mitglied der Feuerwehr darauf hingewiesen, dass neu erlassene Vorschriften für den Wohnungsbau die erarbeiteten Vorschläge nach dem Brand von 2009 nicht berücksichtigt hatten. Gavin Barwell war als Wohnungsminister verantwortlich für diese Verzögerung. Er hat bei den letzten Parlamentswahlen seinen Sitz verloren und ist seitdem Theresa Mays Personalchef.

Nach den Terroranschlägen der vergangenen Wochen gab es eine Debatte über die Auswirkungen der Kürzungspolitik auf die Sicherheitslage im Land. Ist das jetzt auch wieder der Fall?

Absolut. Zum einen haben die Tories hier ihren Parlamentssitz unter anderem wegen der katastrophalen Wohnsituation verloren. Während die Mieten astronomisch steigen, stehen mehr als 1.000 Wohnungen im Viertel leer, die hauptsächlich den Reichen gehören. Dann sind da die Kürzungen bei der Feuerwehr. London hat durch Personalabbau 550 Feuerwehrleute verloren. Zehn Wachen wurden geschlossen. Die Feuerwehrgewerkschaft verlangt dringend eine Untersuchung des gesamten Vorgangs. Wir von UNITE unterstützen das. Ich fordere den Londoner Bürgermeister auf, alle Kürzungen bei der Feuerwehr sofort rückgängig zu machen. Probleme gibt es auch im Gesundheitswesen. Es gerät bei solchen Katastrophen wirklich an seine Grenzen.

Paul Kershaw ist Vorsitzender der Sektion für Beschäftigte im Londoner Wohnungssektor der Gewerkschaft UNITE

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    Christian Bunke, Manchester