Aus: Ausgabe vom 19.06.2017, Seite 10 / Feuilleton

Was schon jeder weiß. Über die »Blikk-Studie«

Von Hagen Bonn
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Auf zur Bushaltestelle!

Wir müssen über das Handy reden! Das heißt aber auch, das Ding wegzulegen und einmal zuzuhören. Geht das? Denn was einer vom Bundesgesundheitsministerium in Auftrag gegebenen Studie zufolge das Ergebnis exzessiver Nutzung von elektronischen Medien ist, lässt Eltern, Kinderärzte, Pädagogen und sogar die Bundesdrogenbeauftragte aufhorchen – oder sagen wir es dramatischer: erzittern! Die »Blikk-Studie«, bisher nur in Teilen veröffentlicht, diagnostiziert Zusammenhänge zwischen Tablet- oder Smartphonenutzung und Fettleibigkeit, Sprach- und Konzentrationsproblemen bei Kindern. Autsch! Vor allem, wenn wir erfahren, dass dies die erste ernsthafte Studie dieser Art sein soll. Ich bin bisher davon ausgegangen, dass das jeder schon weiß. A priori.

Als das Radio erfunden wurde, gab es von Besorgten wüste Briefe an den Papst, er möge den Bann über das Teufelszeug legen. Dann kam das TV. Und die UNO musste Abertausende Briefe versenden mit der Versicherung, TV verdummkübelt die Menschheit nicht. Gut, auch die UNO kann sich irren, und vielleicht hat nächtelanges Quake-II-Spielen auch mein Hirn aufgeweicht, aber es gilt immer noch die alte Formel: Dumme Menschen macht Fernsehen dumm, schlaue Menschen macht es schlau. Und so wird es auch dem Tabletnutzer ergehen.

Die Studie geht aber weiter. Sie hat herausgefunden, dass 90 Prozent der Kinder digitale Medien unkontrolliert, also ohne Beisein von Erwachsenen, nutzen. Noch so eine wahnsinnige Erkenntnis, die uns schier umhaut. Ich bin wirklich entsetzt. Und genau jene Freiheit sei auch verantwortlich für die ausgemachten Entwicklungsstörungen unserer Kinder (außer meines). Im Ernst: Wen würde die Schlagzeile »Smartphonesüchtige Mutter vergisst Baby im Bus« wundern? Alle würden nicken und sagen: Genau, hab' ich auch schon erlebt.

Die universitäre Medienpädagogik reagiert jedenfalls mit Unverständnis auf die Studie und hat sie methodisch verrissen. Die Ergebnisse der Untersuchung seien außerdem medienpädagogisch zu schlicht, zu ungenau und überhaupt. »Handyfreie Zonen am Esstisch« wären genau so ein Rezept wie eine Zigarette an der Haltestelle anzuzünden, damit der Bus kommt. Raucher schwören auf dieses Mittel. Mal nebenbei, ich habe schon oft bereut, dass ich Nichtraucher bin … Und wo wir schon bei Kindern sind, also bei Pädagogik, Mediensoziologie und eben Studien, die von der Bundesregierung in Auftrag gegeben werden: Sie alle haben genau eine Schnittstelle mit der Theologie, egal welcher; all diese Fachrichtungen haben noch nicht bewiesen, dass sie überhaupt einen Gegenstand haben. Das Zentrum der Bemühungen ist bisher nur Windhauch, Hörensagen und Wünschelrutenlaufen. Wenn dem so ist, gehe ich jetzt mal zur Bushaltestelle. Und der Trick ist: Ich will gar nicht Bus fahren. Ich steh' nur einfach herum. Frage: Kommt der Bus trotzdem? Oder wäre er sowieso gekommen?

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