Aus: Ausgabe vom 19.06.2017, Seite 8 / Ansichten

Hammer des Tages: Schäferhund Thor

Von Kristian Stemmler
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Wen Obdachlose stören, der kann künftig per Telefon die Sheriffs der DB-Sicherheit bestellen

Wer in Großstädten wie Berlin, Frankfurt am Main oder Hamburg S- oder U-Bahn fährt, der hat schon erlebt, wie Leute ins Abteil steigen und um ein bisschen Kleingeld bitten. Einige machen vorher Musik, andere erzählen, wie dreckig es ihnen geht. Jedenfalls sind sie Opfer einer »Ordnung«, die systematisch Armut und Elend erzeugt – Junkies, Obdachlose oder andere, die wenig zu beißen haben. Um Almosen bitten macht man nur, wenn man nichts zu verlieren hat, und nicht, um Reichtümer anzuhäufen.

Dies wiederum ist erklärtes Ziel von Wirtschaftsunternehmen wie der Deutschen Bahn und einer ihrer Töchter, der S-Bahn Hamburg GmbH. Was als geschäftsschädigend identifiziert ist, muss weg. Bei der S-Bahn Hamburg sind es Bettler aller Art. Die Firma präsentierte jetzt einen »neuen Service«, um die aufs Abstellgleis zu schieben: eine Denunzianten-Hotline. Eine Nummer, bei der sich jeder Fahrgast melden kann, der den Anblick eines Bettlers nicht erträgt – Anruf genügt und die DB-Sicherheitstruppe bringt dem Störer Benehmen bei.

»Einmal erwischt, werden sie belehrt, die Personalien aufgenommen und aufgefordert, die Bahn zu verlassen«, beschreibt das Hamburger Abendblatt das Procedere. Seit kurzem, so freut sich das Leib- und Magenblatt des hanseatischen Spießers, habe man bei dieser Aufgabe »vierbeinige Unterstützung«. Vom belgisch-deutschen Schäferhundmischling Thor, erstes Mitglied einer neuen Diensthunde­staffel der S-Bahn Hamburg. Thor zeigt den Bettlern, wo der Hammer hängt. Muss man ja verstehen: Wer morgens zur Arbeit fährt oder nachmittags zum Shoppen am Jungfernstieg, der möchte nicht durch den Anblick von Elend irritiert werden. Wenn schon Armut, dann doch bitte nicht vor aller Augen. Unsere Gesellschaft kommt vor die Hunde.

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