Aus: Ausgabe vom 07.06.2017, Seite 8 / Ausland

»Regierung hat Vereinbarung mit uns gebrochen«

Behörden vernachlässigen die Versorgung der Guerilleros. Auch Schulungen werden kaum durchgeführt. Gespräch mit Camillo S.

Von Jan Schwab, Bogotá
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Mitglieder der linken Guerillaorganisation FARC-EP, hier allerdings im Lager La Carmelita nahe Puerto Asis (1. Mai 2017)

Zusammen mit anderen Guerilleras und Guerilleros befinden Sie sich derzeit in der Zone Agua Bonita in Caquetá, einem Departamento im Süden Kolumbiens. Was macht die Guerilla in diesen »Übergangszonen«, diesen ZVTN?

Wir befinden uns derzeit in einem Übergangsprozess, die FARC-EP wird von einer militärisch-politischen Organisation zu einer rein politischen. In diesem Sinne arbeiten wir hier bereits. Die Wiedereingliederung in die Gesellschaft umfasst verschiedene Bereiche, darunter Bildung, Kunst, Arbeit und Kultur.

In der Zone Agua Bonita befinden sich knapp 300 Guerilleros. Viele von uns waren früher Landarbeiter. Auch gibt es viele Afrokolumbianer unter uns, ebenso Angehörige der indigenen Minderheit. Frauen machen fast 40 Prozent unserer Leute aus.

Die Situation hier wirkt ruhig und kontrolliert. Wie schätzen Sie das Verhalten der Armee ein?

Die Rolle des Militärs im Prozess wurde in den Friedensverträgen von Havanna geregelt. Zwar hält sich die Armee weitgehend an diese Protokolle, doch ihr Verhalten ist noch immer von Misstrauen uns gegenüber geprägt. Zum Beispiel kommt es zu grundlosen Befragungen, von Besuchern werden Videoaufnahmen angefertigt. Wir aber wollen den Frieden. Wir müssen strikte Auflagen erfüllen, etwa dass wir die ZVTN nicht verlassen dürfen. Das wird penibel kontrolliert. Ich sehe diese Haltung des Militärs mit Sorge, zumal uns aus anderen Zonen ähnliche Berichte erreichen. Zum Glück gab es noch keinen größeren Vorfall in Agua Bonita.

Die Guerilleros haben in der Vergangenheit immer wieder den Zustand der »Übergangszonen« beklagt. So sei die Versorgung mit Medikamenten mangelhaft, es fehle an Infrastruktur. Auch in der Zone in Agua Bonita wirkt vieles sehr provisorisch.

Es gibt hier einige Probleme. So befinden wir uns gar nicht in der ursprünglich vereinbarten Zone. Die Infrastruktur des derzeitigen Camps wurde allein von uns gestellt und aufgebaut. Die Regierung hatte die in der eigentlich für uns vorgesehenen Zone nicht wie vereinbart fertiggestellt. Damit hat sie die Vereinbarung mit uns gebrochen. Deshalb ist auch die Gesundheitsversorgung in unserer Zone miserabel. Bei der Lebensmittelversorgung haben wir hier in Agua Bonita aber Glück. Doch da ist unsere Zone die Ausnahme.

Die Guerilla soll in den Zonen wieder ins zivile Leben eingegliedert werden. Wie verläuft dieser Prozess?

Die zuständige Behörde für die Wiedereingliederung ins Arbeitsleben ist die SENA, die Nationale Ausbildungsbehörde. Sie hat für unsere Zone lediglich einen einführenden 40stündigen Kurs in Agrarwirtschaft, Gastronomie und Informationstechnik angeordnet. Mehr hat der Staat in dieser Hinsicht bislang nicht getan.

Im August werden wir einen zentralen Kongress ausrichten. Dort werden wir über die Gründung der legalen politischen Partei und damit über die politische Wiedereingliederung der FARC-EP beraten. Während wir also große Fortschritte machen, geht es von seiten der kolumbianischen Regierung leider nur sehr schleppend voran. Tatsächlich behindert uns der Staat sogar an vielen Punkten.

Von anderen Zonen ist zu hören, dass paramilitärische Gruppen in der Nähe präsent sind. Teilweise soll es sogar zu Übergriffen kommen. Ist das auch hier der Fall?

In ganz Caquetá kann man von einer Zunahme paramilitärischer Aktivität sprechen. Es gibt bereits Todesdrohungen gegen Aktivisten. Der Paramilitarismus ist eines der zentralen Probleme im Friedensprozess, denn diese Gruppen bedrohen nicht nur uns, sondern auch die lokale Bevölkerung. Das passiert ebenfalls in der Region um die ZVTN Agua Bonita. Zum Beispiel werden Pamphlete mit Drohungen verteilt. Wir sind daher andauernd in Gefahr. Doch der Staat zeigt keinerlei Interesse daran, diese Gruppen zu bekämpfen.

Camillo S. ist Mitglied der marxistischen Guerilla »Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens – Volksstreitkräfte« (FARC-EP)

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