Aus: Ausgabe vom 02.06.2017, Seite 4 / Inland

Dritter »Umsonstzug« in Gießen

Neue Protestform gegen Ressourcenverschwendung und Kapitalismus kommt gut an

Von Gitta Düperthal
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Lebensmittel werden von Supermärkten in den Müll geworfen, wenn das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Gießener Aktivisten holen sie regelmäßig aus den Containern und verteilen sie auf der Straße

Der »Umsonstzug« ist eine Idee der Anarchistinnen und Anarchisten der Projektwerkstatt Saasen im Landkreis Gießen: Kleingruppen holen nachts weggeworfene Lebensmittel aus den Containern der Supermärkte und verteilen sie jeden ersten Samstag im Monat in der Fußgängerzone Gießens. Bereits zum dritten Mal soll es am kommenden Pfingstsamstag eine fröhliche Verteilparty dieser Art geben.

Der Projektwerkstatt sei es darum gegangen, dass es nicht reicht, wenn die Gießener »Foodsharer«, meist Studierende, das Essen an andere junge Menschen aus ihrem studentischen Umfeld in den entsprechenden Stadtvierteln verteilen, erklärte der in Gießen als Spaßguerilla-Aktivist bekannte Jörg Bergstedt am Donnerstag im Gespräch mit junge Welt die Anfänge des Umsonstzugs, der am 5. April – damals noch am Mittwoch – erstmals stattfand. »Wir wollten den Gedanken, Lebensmittel in den Konsumtempeln vor der Wegwerfgesellschaft zu retten, auf breitere Füße stellen«. Solche Aktionen sollten nicht einem eher wohlhabenderen jungen, bereits ökologisch bewussten Publikum vorbehalten bleiben. »Eigentlich sollte es nur zu essen geben«, so Bergstedt. Was aber dann an jenem Mittwoch abend im April im Gießener Seltersweg mitten in der Innenstadt losging, erstaunte selbst die Initiatoren aus der anarchistischen Szene der Projektwerkstatt. Rund 100 Personen hatten an der Aktion des Umsonstzuges teilgenommen und sich nicht nur darauf beschränkt, die aus den Containern der Supermärkte geholten Lebensmittel zu verteilen. »Sie schoben Bücherregale vor sich her, Stangen voller Klamotten, Gefährte irgendwelcher Art mit Spielzeug«, begeistert sich Bergstedt. Ständig hätten sich neue Leute angeschlossen – zum Teil Passanten, die eigentlich hatten einkaufen wollen. Ein fröhliches Schenken und Tauschen aller erdenklichen Dinge sei in Gang gekommen. »Wir waren völlig baff, was sich nach unserem Aufruf entwickelt hatte und fanden das cool«.

Auch beim zweiten Mal sei der Spaßfaktor hoch gewesen. Obgleich es in Strömen geregnet habe, hätten sich 40 Menschen aktiv beteiligt. Deshalb hat die Projektwerkstatt Saasen beschlossen, den Zug auf einen Samstag zu verlegen. Ziel sei nicht einfach ein fröhlicheres Almosenverteilen: »Die Ökoszene ist uns zu staats- und wirtschaftsgläubig, die Tafeln kritisieren wir wegen ihres systemimmanenten und gefälligen Tuns im Kapitalismus«, erläutert Bergstedt. »Wenn die Gießener Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz (SPD) uns anbieten würde, die Schirmherrschaft zu übernehmen, hätten wir etwas falsch gemacht«. Den Organisatoren sei es wichtig, gegen Ressourcenverschwendung, Reichtumsgefälle, Wegwerfen und Konsumstress zu protestieren: »Wir wollen nicht die Brotkrümel besser verteilen, die von den Tischen der Reichen und Mächtigen fallen, sondern die Tischsitten ändern«, so eine ihrer Parolen.

Entsprechende Redebeiträge soll es am Samstag geben – ebenso Musik, Straßentheater, Tanz und nette Gespräche. Für den heutigen Freitag abend ruft die Projektwerkstatt auf, in und um Gießen Lebensmittelcontainer zu durchsuchen.

Am Pfingstsonntag und -Montag ist ein Seminar der Projektwerkstatt zu Aktionsformen wie Straßentheater über Kommunikationsguerilla bis zu »filigraner Sabotage« geplant. Auch Straf-, Polizei- und Demonstrationsrecht soll Thema sein, denn das »Containern« bewegt sich in einer rechtlichen Grauzone: In München wurde es 2015 als »Einbruchdiebstahl mit Waffen« angeklagt, weil der betroffene Aktivist auf dem Supermarktgelände Pfandkisten entwendet und Tierabwehrspray mitgeführt habe. Er wurde zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, hatte aber wegen dieses und eines weiteren Vorwurfs zwei Monate in Untersuchungshaft gesessen.

Containern Freitag abend: Treffpunkt, 22 Uhr vor dem Uni-Hauptgebäude, Ludwigstraße, Gießen.

Pfingstsamstag Umsonstzug: Start 15 Uhr, Ecke Walltorstraße/Asterweg

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