Aus: Ausgabe vom 01.06.2017, Seite 10 / Feuilleton

Ein freier Mensch

Wenn dir was weh tut, musst du schreien: Konstantin Wecker wird heute 70

Von Christof Meueler
Konstantin_Wecker_47041883.jpg
Wütend und zärtlich: Live ist Wecker eine Macht

Rockstar wollte Konstantin Wecker nie werden, »obwohl ich den Rock ’n’ Roll doch so intensiv gelebt habe«, schreibt er 2007 in seinen Erinnerungen »Die Kunst des Scheiterns – tausend unmögliche Wege, das Glück zu finden«. Seit den 70er Jahren spielt der Münchner in seiner eigenen Liga, als Liedermacher, Chansonnier, Dichter am Flügel, linker Flügel versteht sich. Das war eine Metapher. 1984 besang Wecker seine schönste Freundin und Melodie: »die Anna, ja die Anna, die Anarchie / Bei meiner Seel – die bleibt bei dir, / bescheißt dich nie«.

Sich selbst nennt Wecker einen »Flussmenschen«, aber auch einen »Herdplattenanfasser«, der alles versuchen musste. Er war nicht nur als Kind hochbegabt und ist bis heute sehr erfolgreich und extrem produktiv: Rund 600 Lieder hat er bislang geschrieben, außerdem Romane, Kurzgeschichten, Gedichte, Musicals, und Schauspieler ist er auch noch. Heute wird er 70. Vom Greenpeace-Magazin wurde er 2011 nach seiner »gegenwärtigen Geistesverfassung« gefragt. Antwort: »Wütend und zärtlich«. Das ist sein Markenzeichen – hierzulande glaubt man es niemand außer ihm.

»Ich hatte das große Glück, in ein antifaschistisches Elternhaus hineingeboren zu werden«, erzählt er in dem neuen Dokumentarfilm »Mich rettet die Poesie. Konstantin Wecker – eine politische Nahaufnahme« von Dror Dayan und Susann Witt-Stahl, der von der Melodie und Rhythmus präsentiert wird. Deshalb konnte er die 68er-Revolte als freier Mensch angehen, er musste nicht erst noch seine Nazieltern besiegen. Sein Vater war ein freundlicher Opernsänger. Bis zum Stimmbruch sang sich der junge Wecker durch dessen Lieblingsopern. Das war die frühe Schule, später dann Musikhochschule, Philosophie und Psychologie – aber Italien-Reisen und freie Theatergruppen waren wichtiger.

Das Rock-’n’-Roll-Gefühl, begegnete ihm als 12jährigen im Radio, in Form von Beethovens Violinkonzert, schreibt er 2007. Schon nach wenigen Takten hatte er das Gefühl, er könnte »die Töne sehen, die Klänge schmecken«, ja er könnte seinen Körper verlassen »und mit den Tönen eins werden«. Hammer! »Bis heute hoffe ich beim Musizieren ausschließlich, dieses Erlebnis wiederzufinden.« Später herrschte ihn auf der Musikhochschule ein Professor an, als er »Fidelio« sang und spielte und vor Rührung den Tränen nah war: »Ned du sollst heulen, Bub. Die Leut solln heulen«. Und das machen sie auch öfter auf seinen Konzerten, denn Wecker ist die Macht. Er flüstert, er schreit, während er mit den Füßen am Piano stampft und scharrt. Seine Finger fliegen über die Tasten, seine Lieder durch die Genres. Der ist draußen, aber bei sich, entgrenzt, doch souverän.

Wecker schafft sich vollständig rein, schon immer. Seine Hits waren ernstgemeinte Maßgaben und gingen in den Sprachgebrauch ein: »Wer nicht genießt, ist ungenießbar«, »Genug ist nicht genug / ich lass mich nicht belügen«, »Und wenn dir was weh tut, / dann musst du schrein«.

Seit er in den 90ern mit dem Koksen aufgehört hat, was er auch mit vollem, lebensgefährlichen Einsatz betrieben hatte, definiert er sich als Krieger und Mönch in einer Person. Einer, der die Lage peilt. Bei ihm gilt das nicht nur privat, sondern auch politisch: Er wirkte in den 70er Jahren mit seinen unbändigen Freiheits-, Rebellions- und Genussliedern stilbildend für ein aufgeklärt linkes Milieu, von dem heute nicht mehr viel übrig geblieben ist. Doch der Pazifist und Anarchist Wecker kämpft weiterhin gegen Korruption und Gegenaufklärung. Und sei es die der Exlinken, die in ihren »rot-grünen« Regierungen den Krieg nach außen und nach innen vorantreiben. Schon 1983, als die Grünen erstmalig in den Bundestag kamen, sang er die »Ballade von den zertrümmerten Wirklichkeiten«: »Zwar lebt es sich, heißt es, angenehm / dafür ist es verboten, aufrecht zu gehen«.

Wecker dagegen reiste 2003 am Vorabend des US-Angriffkriegs gegen den Irak nach Bagdad, gab ein paar Konzerte und sprach mit Leuten vor Ort. Die Luxusautos und -hotels, die ihm das Hussein-Regime zur Verfügung stellen wollte, verweigerte er. Darüber schrieb er in dieser Zeitung. 2006 wollte er in Halberstadt im Harz, von Neonazis als »national befreite Zone« ausgerufen, spielen, was ihm die Stadt verbot. Er setzte sich durch und spielte dort etwas später dann doch. Aufgrund solcher Erfahrungen hat er voriges Jahr mit dem Liedermacher Heinz Ratz das »Büro für Offensivkultur« gegründet, das als eine »Notfallagentur« Künstler an solche Orte bringt – in 24 Stunden. In dem Dokumentarfilm »Mich rettet die Poesie« sagt Wecker: »Wir brauchen in uns einen radikalen Gegenentwurf zu der unendlichen Grausamkeit, die sich derzeit in der Gesellschaft entwickelt hat«. Mein 17jähriger Sohn sagt, Wecker, der sei doch »dieser Friedenssänger«. Ich finde, das ist ein Kompliment.

http://www.melodieundrhythmus.com/aktuelles/konstantin-wecker-mich-rettet-die-poesie/

Konstantin Wecker - eine politische Nahaufnahme

Der Film entstand anlässlich des 70. Geburtstags von Konstantin Wecker. Er ist eine Würdigung des Engagements des Künstlers gegen Krieg, Faschismus und die Alltagsbarbereien des Kapitalismus. Mit seiner widerständigen Poesie hat er unzähligen Menschen Mut und Kraft für ihren Kampf gegen Ausbeutung und Unterdrückung gegeben.

»Mich rettet die Poesie« – Trailer

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Mehr aus: Feuilleton